Sonntag, 23. Oktober 2016

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist...

Predigt zu Mich 6,2-8
am 23.10.2016 im Dietrich-Bonhoefferhaus

Höret, ihr Berge, wie der HERR rechten will, und merkt auf, ihr Grundfesten der Erde; denn der HERR will mit seinem Volk rechten und mit Israel ins Gericht gehen!
 »Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Das sage mir!
 Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam.
 Mein Volk, denke doch daran, was Balak, der König von Moab, vorhatte und was ihm Bileam, der Sohn Beors, antwortete; wie du hinüberzogst von Schittim bis nach Gilgal, damit ihr erkennt, wie der HERR euch alles Gute getan hat.«
 »Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem hohen Gott? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern? Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?«
 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Liebe Gemeinde, gesetzt den Fall, Jabar al-Bakr wäre dazu gekommen, zu tun, was er wohl vorhatte: Hätte eine große Menge Sprengstoff zünden können, zum Beispiel im viel zu engen und stets überfüllten Flughafen Tegel, jedenfalls dort wo seine Bombe viele Menschen getötet, verstümmelt und traumatisiert hätte, gesetzt den Fall er hätte überlebt, wäre gefangen und säße nun vor uns, und wir hätten zu richten…. Was würden wir urteilen?

Madrid im November 2007. Vor dem Nationalen Gerichtshof Spaniens stehen 28 Menschen, die beschuldigt werden, die Attentate vom 11. März 2004 auf vier Madrider Vorortzüge verübt zu haben. Damals starben 191 Menschen, 1800 andere wurden zum Teil schwerstverletzt. Das Gericht erteilt 7 Freisprüche. In den anderen Fällen ergehen zum Teil bizarre Urteile. Der Marokkaner Otman El Gnaoui erhält 42924 Jahre Haft, sein Landsmann Jamal Zougam 42922 und der Spanier Suarez Trashorras 34715 Jahre.

Hilflose Urteile einer Justiz, die sühnen will, was nicht zu sühnen ist.

Liebe Gemeinde, wo Recht auf Vergeltung zielt, gerät es angesichts der möglichen Schwere menschlicher Schuld in eine Sackgasse – aus der auch der bei solchen Taten immer wieder zu hörende Ruf nach der Todesstrafe nicht herausführt, sondern nur tiefer hinein, insofern die Institution des Rechtes sich selbst ins Unrecht setzt.

Angesichts dieses Dilemmas, dass wir nicht wirklich sühnen und strafen können, was geschehen ist, mag so manch einer nach einer höheren Gerichtsbarkeit Ausschau halten, nach einer Verantwortung, die nicht von dieser Welt ist, wo sich auch all jene werden verantworten müssen, die sich menschlicher Gerichtsbarkeit entzogen haben, zum Beispiel dadurch, dass sie sich in ihrem Führerbunker selber das Leben nahmen.

Angesichs der Unmöglichkeit irdisch Recht zu sprechen nach Gottes Gericht als Vergeltung rufen…

Wer so nach Gottes Gericht ruft, der hat mit den Worten aus dem Buch des Propheten Micha eine ganze Menge zu lernen:

Erstens nämlich: Gottes Gericht ist zuerst sein Sich-selbst-zur-Disposition-Stellen.

Zweitens: Gottes Güte aber ist immer größer als unsere Anklage.

Drittens: Das lässt uns verstummen und erkennen: Wir stehen mit leeren Händen vor Gott.

Und dürfen – viertens – dennoch leben aus der Güte dessen, der es regnen lässt über Gute und Böse und die Sonne scheinen lässt für Gerechte und Ungerechte.

II.
Ich will es erläutern:

Erstens: Gottes Gericht ist zuerst sein Sich-selbst-zur-Disposition-Stellen.

Da macht das Prophetenwort eine Gerichtsszene auf, die es in sich hat, ruft die Berge und die Grundfesten der Erde, ruft oben und unten, das Höchste und das Tiefste zu Geschworenen an, weil der HERR ins Gericht gehen will mit seinem Volk.

Was dann aber folgt, ist nicht die Anklage des Volkes, sondern Gottes Frage nach seiner eigenen Schuld: „Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Das sage mir!“

Gott ist weder Richter noch Kläger, sondern er nimmt die Rolle des Angeklagten an. Gott sitzt immer schon auf der Anklagebank.

Sichtbar gewiss vor Pontius Pilatus: „Was für eine Klage bringt ihr gegen diese Menschen vor?“ (Joh 18,29) – Öfter aber in den Zimmern der Sterbenden, den Kellern der Gefolterten, oder in den Herzen jener, die angesichts der ewigen Medienpräsenz von Schrecken und Katastrophen noch nicht ganz abgestumpft sind. „Warum, Gott, lässt Du das zu?“

[Mehr noch: In Amerika hat einmal ein Senator Anklage vor einem Gericht erhoben und Gott wegen Terrorismus verklagt – dabei weiß er hin auf den verheerenden Hurrikan „Katrina“, der Oklahoma überflutete.

Hat der Senator dies getan, um die Absurdität der amerikanischen Gerichtsbarkeit zu demonstrieren, in der jeder jeden wegen jedem verklagen kann – selbst den lieben Gott – so hat seine Anklage doch einen tieferen Hintergrund. Den nämlich, dass wir Menschen wahrlich auch Grund zu Klage haben.]

„Ja, Gott, es gibt Erfahrungen des Lebens, die uns von dir entfernen. Ja, Gott, es gibt Leid, das mich an dir verzweifeln lässt. Ja, Gott, Du bleibst mir Erklärungen schuldig: – Warum wird die eine viel zu qualvoll Sterben müssen am Krebs in jungem Alter? – Und der andere liegt alt und lebenssatt darnieder und darf nicht sterben, warum? Warum, Gott, sind es immer dieselben, die auf die Schnauze fallen? Und andere, die sich auf Kosten anderer ein gutes Leben gönnen? Warum… “

Wir könnten lange fortfahren…

Gott sitzt immer schon auf der Anklagebank und wir urteilen täglich, die einen zu Recht und die anderen aus Ignoranz.

Aber, ihr Lieben, und das ist für mich das Überraschende an diesem Text: Gott selbst fordert uns dazu heraus, provoziert uns, all unsere Klage und Anklage an ihn zu richten, stellt sich selbst zur Disposition:

„Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Das sage mir!“

Wir haben um Gottes willen das Recht zu klagen und zu schimpfen und anzuklagen und vorläufige Urteile zu fällen.

Aus der Seelsorge weiß ich, wie hilfreich das ist, zu klagen. Es hat etwas Befreiendes.

III.
Es hat etwas Befreiendes. Die unausgesprochene Klage bettet Gott ein in die Erinnerung an sein befreiendes Handeln. Und lässt so das Zweite erkennen, nämlich, dass seine Güte immer schon größer ist als unsere Klage.

Dabei ist es natürlich nicht zufällig, dass Gott in diesem Gerichtsverfahren diese beiden Geschichten erwähnt: Die Herausführung aus Ägypten und die Bileamsgeschichte.

Das war jene Geschichte, in der der Moabiterkönig Balak Bileam gebeten hatte, das Volk Israel zu verfluchen. Die Eselin aber lehrte Bileam eines Besseren.

Ich glaube, dass beide Geschichten unser Gottesbild etwas zurechtrücken. Insofern sie erkennen lassen, dass die Knechtschaft der Zustand ist, aus dem Gott herausführt; der Fluch das permanent Drohende ist, das Gott abwendet.

Gott handelt dem Unheil entgegen. Gott schafft inmitten einer Welt aus Sklaverei einen Raum der Freiheit. Gott setzt inmitten einer Welt aus Fluch seinen Segen. Gottes Macht ist eine Gegenmacht zu allem, was sonst machtvoll eingreift in unser Leben. Immer aber gefährdet, angegangen und umkämpft.

Dass wir in dieser Welt aus Sklaverei, Tod, Fluch und Chaos leben können, dass allein ist schon ein Wunder.

So jedenfalls sieht es die hebräische Bibel von der ersten Seite an – wo Gott inmitten des Tohuwawohu einen kleinen umgrenzten Bereich des Lebens schafft.

Viel Klage rührt her von einem falschen Gottesbild. Und viel verpasstes Staunen daher, dass wir das Wunder des Lebens nicht als solches begreifen. Dass wir eben nicht jeden morgen neu das Geschenk des Lebens dankbar empfangen und jeden Tag aufs Neue begrüßen als Wunder Gottes, jede Begegnung, jede Mahlzeit, jeden Gang und Schritt.
Sie sind ein Wunder!

IV.
Wem dies vor Augen steht, der wird kleinlaut, verstummt – es folgt ja in unserem Text keine Gegenrede mehr – wird kleinlaut, verstummt und erkennt – das ist das Dritte, dass er oder sie mit leeren Händen vor Gott steht.

„Womit soll ich mich dem HERRN nahen…“ Es ist eine archaische Frage, eine Frage, die uns eher nur am Rande berührt. Dort aber um so heftiger.

Ich kenne es von Sterbenden, von Menschen am Rande ihres Lebens, dass sie genau von dieser Frage umgetrieben werden: „Womit soll ich mich dem HERRN nahen… Ich steh vor dir mit leeren Händen Herr.“

Immer wieder neu bewegt mich jene Szene aus Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“, in der der Schuster Willem Voigt sich Rechenschaft gibt über sein Leben: Und da stehste vor deinem Herrgott und der fragt dich ins Gesichte: „Wat haste jemacht, mit dein Leben?“ – „Und da muss ick sagen – Fußmatte, muss ich sagen. Die hab ick jeflochten im Jefängnis, und denn sind se alle druff rumjetrampelt, muss ick sagen.“

Was habe ich vorzuweisen, womit soll ich mich Gott nahen?

Wenn es um das Gericht Gottes geht, dann stehe ich immer auch selbst auf dem Spiel – Gottes Gericht ist nicht nur eines für Diktatoren und Terroristen. „Womit soll ich mich dem HERREN nahen…“

Eine Frage, die uns nicht von Gott vorgelegt wird, sondern die wir uns selber stellen. Man nennt es wohl Gewissen.

Eine Frage, die uns auf unser Leben verweist:

V.
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

Jetzt müssen wir zum Schluss noch ein wenig Hebräisch lernen.

„Gottes Wort halten“ hat Luther übersetzt. „Mischpat“ ist das von Gott gesetzte Recht. Und es halten heißt natürlich es auszuüben, zu tun. Nach Gottes Willen zu leben und zu handeln. Es wird konkret in drei Dingen:

Liebe üben“. Häsed meint die Gemeinschaftstreue, die enge Bindung von Mann und Frau oder Vater und Sohn. Das Wort hat dabei den Akzent des Geschenkes an die Gemeinschaft. Also das, was ich über die Verpflichtung hinaustue. Die Kirche lebt davon, dass viele Menschen in ihr Häsed üben, sich zum Wohl der Gemeinschaft engagieren, mehr tun, als ihnen ihre Dienstanweisung abverlangt. Häsed üben heißt nicht zu fragen, „Was kann die Gemeinschaft für mich tun?“, sondern: „Was kann ich für die Gemeinschaft tun.“

Demütig sein vor deinem Gott“. „Demut“ ein schwieriges und viel missbrauchtes Wort. Nach wie vor finde ich die beste Erläuterung die, die Heiner Geißler einmal in einem Interview gegeben hat. „Demut ist die Wahrhaftigkeit gegen sich selbst.“

Die Wahrhaftigkeit gegen sich selbst. Das heißt wachsam sein, einen Blick haben für sich und andere, nicht seinem Schein hinterher leben. An anderer Stelle finde ich die Übersetzung: „Wachsam leben mit deinem Gott“

Gottes Wort halten – Liebe üben – Demütig sein. Die Reihung macht einen Spannungsbogen von Gott über die Gemeinschaft hin zu sich selbst. Wer in diesem Spannungsbogen lebt, lebt bereits in der Nähe Gottes. Denn das letzte Wort der Reihung ist: Dein Gott.

„Wachsam leben mit deinem Gott“ – Die Frage, wie ich mich dem Herrn nahen soll, entscheidet sich an der Frage, wie ich denn mein Leben lebe.

Wer sich an Gottes Recht hält, wer nach den Bedürfnissen der Gemeinschaft blickt und wahrhaftig gegen sich selbst lebt, der lebt schon in der Nähe Gottes.

Dem Ganzen aber ist noch eines Voraus geschickt: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist…“

Mir fällt auf, dass die ganze Auslegungstradition diesen Satz nur ethisch diskutiert: Das Gute wird diskutiert und woher wir unsere Normen empfangen und wie Werte vermittelt werden, für die es sich zu leben lohnt.

Nirgendwo fand ich aber den Gedanken, der mir beim Lesen des hebräischen Textes am nächsten lag.

„Mensch“ nämlich heißt hebräisch „Adam“. Da haben wir natürlich gleich die Schöpfungsgeschichte im Ohr. Und wo taucht das Wort „gut“ in der hebräischen Bibel zum ersten Mal auf? Ebenfalls in der Schöpfungsgeschichte. Denn Gott sah an, alles was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.


In der Schöpfung haben wir bereits gehört, was gut ist. Das Gute ist uns vorgegeben und die Basis unseres Lebens. Gottes Güte geht unserem Tun und Lassen, unserem Vermögen und Versagen, unserem Vollbringen und Beginnen voraus. Um Gottes willen ist es gut, Mensch, noch ehe du zu atmen begonnen hast. Alles andere ist Demut, Liebe und Dankbarkeit.

Sonntag, 11. September 2016

Wider den Geist der Verzagtheit

Die Predigt zum Nachhören
2. Timotheus 1,6-10

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Donnerstag, 5. Mai 2016

Die Predigt zum Nachhören - Himmerlfahrt 2016

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Was seht ihr zum Himmel...

Predigt an Himmelfahrt 2016 zu Apostelgeschichte 1, 4-12

Lukas, der Evangelist, liebe Gemeinde, war ein grandioser Maler,
ein Maler mit Worten.

Wir verdanken ihm eine Fülle der Bilder unseres Glaubens, Bilder, die sich tief eingeprägt haben in den christlichen Kulturen, Ikonen des Evangeliums:

Das Kind im Stall, die Hirten auf dem Feld, die Engel in der Nacht…, der Zöllner Zachäus auf dem Baum, die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus und …die Himmelfahrt – vieltausendfach nachgemalt zum Beispiel auf den Altären der Renaissance… der Auferstandene in weiß, die Nägelmale an Händen und Füßen, wird emporgehoben auf einer Wolke, darunter staunend und gen Himmel schauend das Publikum, die Jünger, sehnsuchtsvoll, erschrocken, irritiert…

In Klammern eine kleine kulturgeschichtliche Anmerkung: Das Motiv war damals gerade deshalb so beliebt, weil man im Theater der Zeit neue technische Entwicklungen bestaunen konnte: mit Hilfe von Aufzugstechnik war es möglich, Schauspieler empor zu ziehen und in den Himmel entschweben zu lassen.

Klammer zu und Blick… wohin?
In die Bibel, damit wir nicht einfach Publikum bleiben, das sich im Blick nach oben verliert…
Schauen wir, wie Lukas mit Worten malt.

Ich lese Apostelgeschichte 1,4-12:

Und als Jesus mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, die ihr, so sprach er, von mir gehört habt;
denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden nicht lange nach diesen Tagen.
Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?
Er sprach aber zu ihnen: Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat;
aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.
Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.
Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern.
Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.
Da kehrten sie nach Jerusalem zurück von dem Berg, der heißt Ölberg und liegt nahe bei Jerusalem, einen Sabbatweg entfernt.

Gott des Himmels und der Erden, lenke unseren Blick. Hilf beim Reden und beim Hören und in beidem: Hilf beim Predigen. Amen.

Liebe Gemeinde, das Bild, das Lukas zeichnet, prägt die Ikonografie, prägt die Bildwelt der Himmelfahrt: Zusehends aufgehoben in den Himmel.

Und weg isser, der Herr Jesus, vor den Augen der Jünger, die den Hans Guck-in-die-Luft-machen.... Dass das nicht gut ist, lehrte uns Ältere in Kindertagen der unsägliche Struwwelpeter…
„Wenn der Hans zur Schule ging,
Stets sein Blick am Himmel hing.
Nach den Dächern, Wolken, Schwalben
Schaut er aufwärts allenthalben:
Vor die eignen Füße dicht,
Ja, da sah der Bursche nicht,
Also daß ein jeder ruft:
"Seht den Hans Guck-in-die-Luft !"
Und wie der so in die Luft guckt, der Hans-Guck-in-die-Luft in Hoffmanns Struwwelpeter, da marschiert er schnurstracks

„an des Ufers Rand
Mit der Mappe in der Hand.
Nach dem blauen Himmel hoch
Sah er, wo die Schwalbe flog,
Also daß er kerzengrad
Immer mehr zum Flusse trat.“


„Noch ein Schritt und plumps! Der Hanns
Stürzt hinab kopfüber ganz!“
Der Arme hat übrigens ein berühmtes Vorbild.

Vom Philosophen Thales erzählt uns Platon, dass er einmal, als er die Sterne und den Himmel beobachtete und also nur nach oben blickte, in einen Brunnen fiel.

Eine witzige und hübsch thrakische Magd, die das beobachtete, hatte nichts Besseres zu tun, als den Philosophen zu verspotten: er wolle da mit aller Leidenschaft die Dinge am Himmel zu wissen bekommen, während ihm doch schon das, was ihm vor der Nase und den Füßen liege, verborgen bleibe. (Platon, Theaitetos, 174a-b)

Schicksal der Philosophen, sagt Platon, passe doch derselbe Spott auf alle diejenigen, die sich mit der Philosophie einlassen. Und fährt mit der Kritik wie folgt fort: „Denn in der Tat, ein solcher weiß nicht von seinem Nächsten und Nachbarn“, und zwar nicht nur in dem, was er tut, sondern sogar darin, ob er überhaupt ein Mensch ist oder irgendein anderes Lebewesen.

Da hilft auch wenig, wenn man sich ein philosophisches Hintertürchen offen hält und behauptet, dafür wüssten die Philosophen eben mehr über die wahren Werte und das Wesen des Menschen…
Nein, die Kritik bleibt: Himmelfahrtsnasen haben keinen Riecher für die Menschen neben sich. Wer die Augen nur in den Himmel gucken lässt, der sieht nicht links und nicht rechts. Da verfehlt man das Leben, wenn man so in den Himmel starrt. Und da macht es keinen Unterschied, ob man ein Philosoph ist oder Theologe, Christ oder Muslim oder Jude… Wer nur in den Himmel starrt, übersieht den Menschen und die Welt, in der er lebt.

II.
Darum, liebe Gemeinde, weißt uns die Himmelfahrtsgeschichte an, den Blick zu senken: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da uns seht zum Himmel?“ – Das könnte glatt von einer thrakischen Magd gesagt sein.

Wer so glaubt, dass er nur in den Himmel guckt, wer alles von oben erwartet und die Hände in den Schoß legt, der muss ganz schön aufpassen, dass er nicht reinfällt, über andere stolpert, menschenverachtend wird, weil er alle Sinne und alles Denken und Tun nur auf den Himmel gerichtet hat.

Wer stets nach oben schaut, dem droht die Genickstarre, die die Bibel gerne auch als Halsstarrigkeit benennt.

Ja, liebe Gemeinde, es sind die unseligen Himmelfahrtskommandos dieser Welt, die nicht rechts und nicht links, nicht nach dem Menschen und nicht nach der Erde blicken.

Sie passen nicht zu dem Glauben, von dem Lukas erzählt. Denn dort fährt Jesus gen Himmel auf, damit wir uns der Erde zuwenden. Nicht ohne seine Kraft, nicht ohne seinen Geist…

Es ist ja nicht so, dass Jesus sich absetzt und wir hier im Jammertal zurückbleiben. Da könnte man ja den Kopf nur hängen lassen. Aber wer den Kopf hängen lässt, dessen Blick reicht ja auch nur wieder bis zu den Fußspitzen.

Nein, er lässt uns nicht hängen, sondern richtet uns auf mit seinem Geist, mit seiner Kraft, mit Hoffnung und Mut. „Christ fuhr gen Himmel, was sandt er uns hernieder“ fragt das alte Himmelfahrtslied, dass wir gleich im Anschluss an die Predigt singen. Und gibt die Antwort aus der Verheißung, die Jesus seinen Jüngern gibt: „Den Tröster, den Heiligen Geist…“ - ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen

III.
Also, liebe Gemeinde: Kopf hoch! Weder bis zum Himmel, noch bloß auf den Boden schauen, sondern links und rechts und hinter mich und vor mich und sehen…

Und was sehen wir da?

Eine unerlöste, heillose Welt…nicht das Reich Gottes. Das hatten sie ja gehofft, die Jünger. Aber er kommt erst wieder am Ende der Zeit.

Eine unerlöste, heillose Welt – in dieser aber ein Zeichen der neuen Zeit. „Ihr werdet meine Zeugen sein…“

Mit der Himmelfahrt beginnt die Zeit der Gemeinde. Jesus ist weg. Wir haben ihn nicht mehr leiblich unter uns – aber er sendet uns seinen Geist. Und mit ihm wird Gemeinde.

Er lässt uns nicht allein zurück, er verweist uns an die Menschen links und rechts, vor und hinter uns.

Also, liebe Leute, seid kein Hanns-Guck-in die Luft Philosoph, der nur noch in den Himmel blickt und keine Ahnung mehr hat von den irdischen Dingen, von den Menschen, mit denen er lebt und der Erde, auf der er steht.

Seid aber auch keine Erdlochgucker, die sich vor lauter Frustration über Gottes Abwesenheit und den Zustand der Welt am liebsten in ein Erdloch verkriechen wollen, sondern seid solche, die umsichtig sind…

Schönes Wort: umsichtig. Menschen, die um sich herum sehen und suchen, wahrnehmen, wie es um die Menschen und die Welt steht, Menschen, die die Liebe Gottes annehmen und weitergeben.

Dann könnte es sein, dass es auch auf Erden ein wenig himmlisch wird.
Amen.

Sonntag, 6. März 2016

Gott des Trostes - Die Predigt zum Nachhören

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Gott des Trostes



Predigt zu 2. Korinther 1,3-7 am Sonntag Lätare

„Wenn das Leben grad zu allem schweigt
dir noch eine Antwort schuldig bleibt
dir nichts andres zuzurufen scheint als Nein
Es geht vorbei“
Der Popsänger Andreas Bourani ist zurzeit mit seinem melancholischen Lied „Hey“ zu hören auf allen Kanälen:
„Wenn der Sinn von allem sich nicht zeigt
sich tarnt bis zur Unkenntlichkeit
wenn etwas hilft mit Sicherheit, dann Zeit
Es geht vorbei, es geht vorbei“
Die Allgegenwart des Songs spiegelt unsere Kultur des Funktionieren-Müssens. Du kannst Dich ja nicht hängen lassen. Und was daherkommt wie ein Akt der Barmherzigkeit – hey, sei nicht so hart zu dir selbst - ist im Grund doch nichts anderes als ein erneuter Appell ans Weitergehen:
„Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
es ist ok wenn du fällst
auch wenn alles zerbricht
geht es weiter für dich
Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
auch wenn dich gar nichts mehr hält
du brauchst nur weiter zu geh'n
komm nicht auf Scherben zum steh'n“

Aber wenn die Kraft dazu nicht reicht? Wenn die Scherben spitz und verletzend, mich hindern, einfach weiterzugehen?

Wenn selbst sie nicht mehr hilft, die Zeit… nicht mehr hilft, Wunden zu heilen?

Was tröstet?

Ich ringe drum, nicht nur, weil es ein Teil meines Berufes ist, zu trösten. Ich ringe drum, weil ich darum weiß, wie trostlos Leben sein kann. Und – ja, auch das – weil ich eine Ahnung habe, wie trostlos unsere Welt ist.

Was tröstet jenseits der seichten Lieder und dort, wo die Zeit still zu stehen scheint, eben nichts vergeht. Mitten im Leiden, im Wüten der Welt, was tröstet?


II.
Liebe Gemeinde, der Apostel Paulus – vielleicht auch so ein Melancholiker – ringt um Trost. Diffamiert von Gegnern, fallen gelassen von Anhängern, bedrängt von der Obrigkeit…

Immerhin erste zarte Zeichen der Annäherung sind aus Korinth zu hören. Dorthin schreibt er vom Trost.

Ich lese uns 2. Korinther 1,3-7

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.

Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.

III.
Liebe Gemeinde, ich weiß nicht, wie es ihnen ergangen ist, beim Hören des Textes: Verstanden hatte ich erstmal nicht viel, nur dies: Trost. Darum geht es.

Trost, dieses alte schöne deutsche Wort. Heute weitgehend negativ konnotiert als Trostpreis oder Trostpflaster. Als etwas, was keiner haben will.

Und dabei doch ein Wort, das von Halt und Kraft und innerer Festigkeit spricht. Es hat die gleiche Wurzel wie Vertrauen. Wenn es um Trost geht, dann geht es darum, dass ein Mensch das Vertrauen ins Leben wieder erlangt, wieder Boden unter den Füßen gewinnt, nicht zwingend zum Weitergehen, Aufrecht Stehen würde mir schon reichen – und sei es auf den Scherben des Lebens.

Das griechische Wort aus dem Urtext legt eine Fährte in die Richtung, aus der der Trost kommt. Es spricht vom Hinzu-Rufen. Ich kann mich schwerlich selber trösten. Ich brauche dazu die Hilfe und Unterstützung anderer.

Und was soll’n die tun, wie können die helfen?

IV.
In der antiken Umwelt des Paulus hat es einen ganzen Katalog an Trost-Strategien gegeben, die bis heute immer wieder angewendet werden, mal mehr, mal weniger hilfreich.

Etwa die Erinnerung an das erlebte Glück. Erinnerung sei das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, lese ich dann über den Todesanzeigen. „Denke an das, was du mit dem Menschen, den du verloren hast, alles erlebt hast. Diese gelebte Zeit, die nimmt dir keiner mehr ab!“

Neben der Erinnerung an das vergangene Glück kennt die antike Trostliteratur auch den Hinweis auf das Gute, das bleibt. Es ist ja nie alles vorbei. Es ist ja noch was da. „Deine Frau ist tot, aber du hast ja noch die Kinder… Deine Tochter ist tot, aber sieh doch auf den Sohn, der bleibt. Du hast den Job verloren, aber du hast ja noch die Familie… Das Glas ist nicht halbleer sondern halbvoll. Denk positiv!“

Ich weiß nicht, wie weit dieser Trost zu tragen vermag. Ihn Ver-Tröstung zu nennen, liegt mir nahe.

Ich weiß auch nicht, ob es hilft, wie eine andere Strategie empfiehlt, das Leid einzusortieren in die Allgemeinheit: „Wir müssen alle sterben!“ Ja, aber warum soll ich nicht trotzdem am Tod eines geliebten Menschen leiden und verzweifeln? Was hilft es mir, zu wissen, dass es immer Menschen gibt, die es noch schlimmer trifft als mich? Ist nicht jedes Leid unvergleichbar? Und dennoch hören wir es oft und mag sich der ein oder die andere damit über Wasser halten. „Gewiss, es hätte noch viel Schlimmer kommen können!“ Aber tröstet es wirklich?

Vielleicht gab es darum auch die Empfehlung, das erlittene Leid einzuordnen in die Unendlichkeit des Alls. „Ist da Dein Leid nicht unendlich klein? Oder nur der Hauch einer Zeit im Raum der Ewigkeit… es geht vorbei…!“ Bourani steht in dieser Tradition.

In diese breite Tradition des Trostes und des Tröstens, liebe Gemeinde, eine Tradition, die uns bis heute begleitet und ihre Dienste tut, in diese Tradition bringt Paulus etwas grundsätzlich Neues und Andres.

V.
Er empfängt seinen Trost aus anderer Hand: Spricht mit den Schriften des jüdischen Glaubens von dem Gott des Trostes.

Wie reich ist das Alte Testament darin, uns diesen Gott des Trostes vor Augen zu malen, ihn, der uns tröstet, wie einen seine Mutter tröstet (Jes 66,13), den guten Hirten, dessen Stecken und Stab uns trösten (Ps 23,4) und der in die Welt ruft: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ (Jes 40,1)

Der reichen Trostwelt des Alten Testamentes nun fügt Paulus einen neuen Gedanken hinzu: Den des leidenden Gottes.

Sein Trost wächst daraus, dass in Christus Gott selbst gelitten hat. Die Leiden Christi kommen über uns. Wir teilen sein Leid wie er unser Leid geteilt hat.

Es gibt kein Leiden in dem Gott nicht selbst mitleidet. Gott als Mit-leidender. Nicht als einer, der wie wir bei der Tagesschau auf dem Sofa sitzt und Mitleid empfindet, sondern einer, der selber im Leiden mitleidet.

Dem Apostel hilft das, im Leiden stehen zu können. Nicht zu fliehen. Nicht krampfhaft weitergehen zu müssen. Sondern auszuhalten und ertragen zu können.

Denn er weiß Gott an seiner Seite.

Mit ihm an der Seite, kann er gar auf Scherben stehen und hoffen.

Hoffen!

Denn Christi Leiden ist nicht ohne seine Verherrlichung zu bekennen, sein Kreuz nicht ohne die Auferstehung.

Wo Menschen mit Gott sterben, da werden sie auch mit ihm auferstehen. Das ist der Glaube des Apostels, sein Trost im Leben und im Sterben.

Wir haben Anteil am Leiden Christi und an seiner Auferstehung. Wir sind mit ihm gestorben in der Taufe, aber werden auch mit leben in Ewigkeit.

Wir, nicht ich allein. Denn in der Gemeinschaft der Christinnen und Christen leiden alle mit, wenn einer leidet und freuen sich alle, wenn einer sich freut: „Haben wir Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost…“ Denn: „Wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.“

Eine Trostgemeinschaft im Glauben. Trost empfangen und weitergeben…Gemeinschaft haben untereinander und mit Christus, dem Gekreuzigten und Auferstanden.


VI.
Tröstet das? Gibt uns das den Boden unter den Füßen, Halt und Kraft zum Leben.

Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich habe dafür nicht genug gelitten.

Aber erzählen kann ich von Menschen, die uns im Leiden voraus gingen, und sich auf dem Leidensbett innerlich aufrecht hielten am Kreuz an der Wand. Erzählen davon, dass an den gottlosesten Orten Menschen sich wiederfinden konnten im Ruf des Gekreuzigten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Gerade in der Paradoxie, dass Gott die Gottlosigkeit teilt, ist er uns nahe. In allem Leide… nicht danach, wenn die Zeit die Wunden geheilt hat. Nicht erst, wenn ich wieder laufen kann. Sondern im Fallen, im Liegen im Dreck des Lebens, im Stehn auf den Scherben … Trost.

Mit ihm an der Seite… Vertrauen.

Leben…

Sei uns nahe, Gott.

Amen.



Freitag, 25. Dezember 2015

Inkulturation des Evangeliums

Ansprache zu Lukas 2
An Heilig Abend 2015


Weihnachten weltweit: Rund um den Globus wird sie erzählt, inszeniert, gefeiert, diese eine Geschichte von dem Gott, der Mensch wird.

Erzählt in unterschiedlichen Sprachen,
inszeniert in vielfacher Gestalt,
gefeiert auf unzählige Weisen.

Vor ein paar Wochen zur Freude der Hochkulturellen hier gesungen als Weihnachtsoratorium Johann Sebastian Bachs mit Pauken und Trompeten und heute erzählt als Youtube-Video der Jugendkultur. Die eine Geschichte.

Die eine Geschichte, die es ja so gar nicht gibt.

Schon die Evangelisten erzählen sie vielstimmig. Markus kennt sie gar nicht. Johannes packt sie in Philosophie: Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott…
Matthäus erzählt sie ohne Krippe und Herberge als Fluchtgeschichte. Nur Lukas liefert die Bilder von Hirten und Engeln, weiß aber nichts von den drei Weisen aus dem Morgenland.

Wir selber haben uns längst aus ihren unterschiedlichen Erzählungen die unsere zusammengestellt.

Die Weihnachtsgeschichte, liebe Gemeinde, gibt es nur in der Vielzahl der Geschichten, die die Menschen erzählt haben, gefeiert, inszeniert.

II.
Und diese Geschichten, die wir daraus machen, sind geprägt von der Kultur, in der wir leben, von der Zeit und der Geschichte, die wir erleben.

Die Theologie spricht von der „Inkulturation des Evangeliums“, also dass das Evangelium, die gute Nachricht von der Liebe Gottes, Form und Gestalt annimmt der Kultur, in der es erzählt wird. Das Evangelium kriecht sozusagen in die Kultur hinein, findet seinen Platz im Petersdom in Rom ebenso wie in der Wellblechhütte der Favelas Südamerikas, wird anders erzählt in der Untergrundgemeinde in Teheran als in einer deutsch-protestantischen Volkskirche, spricht eine andere Sprache im zerbombten Aleppo als hier in der frisch-renovierten Johanneskirche.

Das Evangelium kriecht hinein in die Kultur und Lebensumstände der Menschen, um Glauben zu wecken, Hoffnung zu wagen, Liebe zu üben. Eine andere Sprache spricht es nicht als die der Menschen, die es hören sollen und denen die Zusage der Liebe Gottes gilt.

Schon Paulus hatte das erkannt, wenn er sagte: Ich bin den Juden wie ein Jude geworden und den Griechen wie ein Grieche. Ich bin allen alles geworden, nur um einige zu gewinnen. (1. Kor 9)

Inkulturation des Evangeliums.

Die gute Nachricht in tausenderlei Form und Gestalt, geprägt von der Kultur in der wir leben, erzählen, feiern…

III.
Darf das denn sein? Geht da nicht was verloren? Muss ich nicht, nein mehr noch, muss nicht die Kirche Hüterin sein der einmal erzählten Erzählung und der einmal gefundenen Form?

Liebe Gemeinde, es entspräche nicht dem, was da erzählt wird, wenn wir so denken, tun und handeln würden, und wäre auch nicht angemessen für den Gott, von dem wir reden.

Was wird erzählt? Und: Von welchem Gott reden wir?

Erzählt wird, dass Gott sich selbst aufgab und Mensch wurde. Mensch in einer ganz konkreten Geschichte – wie es ja gerade der Evangelist Lukas zu erzählen versucht: Zur Zeit des Kaisers Augustus, als Cyrenius Landpfleger in Syrien war… An einem ganz bestimmten geschichtlichen Ort: Bethlehem, ein Provinznest der Weltgeschichte bis dahin…

Gott geht ein in Zeit und Geschichte und Kultur der Menschen.

Von Gott her, liebe Gemeinde, ist Glaube immer zeit- und immer ortsgebunden.

Muss immer neu erzählt und inszeniert werden in der Kultur, in der wir leben, die uns prägt.

Warum ist mir diese Inkulturation des Evangeliums heute und in diesem Gottesdienst so wichtig?

Weil die Welt sich verändert hat. In dieser veränderten Welt ist es mehr denn je nötig, dass wir ein positives Verhältnis finden zur Vielfalt der Kulturen.

Nicht nur – aber es sei in diesem Gottesdienst einmal erwähnt – nicht nur der unterschiedlichen Kulturen zwischen Jung und Alt:

Da will ich euch aus der jungen Generation nur Mut machen, auch in den Fragen von Religion und Glaube eure eigene Kultur zu gestalten.

Ihr müsst Eure Wege finden, zu fragen, zu glauben, zu feiern… Und wenn es nicht unsere sind, dann, liebe Erwachsene, dann lasst uns nicht glauben, die Welt ginge unter, wenn sie sich nicht weiter so dreht, wie wir es gerne hätten… In Klammern sei gesagt: Vielleicht ist ja auch nur noch zu retten, wenn es nicht so weiter geht, wie wir das wollen… Klammer zu.

Nein, wenn Kirche Zukunft haben soll, dann nur mit den Menschen, denen die Zukunft gehört.

Mehr noch aber als die Unterschiede zwischen Jugendkultur und Erwachsenenkultur bewegen mich in diesen Tagen die unterschiedlichen Kulturen im Blick auf Heimat und Fremde.

Bis vor kurzem noch hieß Weihnachten weltweit für uns noch: Wir betrachten das Weihnachtsfest fremder Völker und Kulturen vom europäischen Standpunkt aus etwa so wie die Kinder die Affen hinter der Glasscheibe im Zoo. Fern und distanziert.

Aber so ist die Welt nicht mehr. Spätestens in diesem Jahr haben wir es zu spüren bekommen. Die Welt kommt zu uns. Kommt mit fremden Kulturen und Lebensgeschichten im Gepäck. Klopft plötzlich an unsere Grenzen, kommt an an unseren Bahnhöfen, steht plötzlich mitten in unserem Land, sitzt mit einem mal in unseren Schulen und geht durch unsere Straßen. Die Welt ist plötzlich hier!

Es gibt Menschen, denen macht das ungeheure Angst. Und wer weiß, wie viele heute hier sitzen, die ihre Angst teilen. Angst vor der Überfremdung. Angst davor, dass wir unsere Kultur verlieren könnten. Angst vor dem Untergang des Abendlandes.

Mit der Weihnachtsgeschichte kann ich Ihnen nur zurufen: „Fürchtet Euch nicht! Denn euch ist heute der Heiland geboren!“

Euch heute!

Die Geschichte von dem Gott, der Mensch wird, der eingeht in konkrete Geschichte und sich feiern lässt in konkreter Gestalt, liebe Gemeinde, diese Geschichte wird auch heute und in Zukunft erzählt werden.

Manchmal weiter so, wie wir sie kennen und von unserem Herkommen her mögen: Das Weihnachtsoratorium Bachs – ich wette - wird nicht totzukriegen sein.

Aber sie wird auch neue Form und Gestalt gewinnen, sich verändern im Gespräch und im Zusammenleben mit den Menschen, die hierhin kommen, die ihre Geschichten, ihre Kultur mitbringen. In der Begegnung mit ihnen werden auch wir uns verändern. In der Begegnung, vielleicht auch in der manchmal notwendigen Konfrontation, werden sich Kulturen verändern.

Aber für uns Christenmenschen ist das kein Grund, Furcht und Sorge zu haben. Denn weil Gott ein Gott ist, der mitgeht und seine gute Nachricht eine, die dem hier und heute immer wieder neu gilt, wird das Evangelium auch Einzug halten in die Kultur, die wir jetzt noch gar nicht kennen, die Kultur, die erst noch werden wird.

Aber noch einmal: Das Evangelium ist nichts Statisches, das es zu verteidigen gilt, sondern ein Ereignis, das hier und dort geschieht, dann und wann. Weil Gott kein zeitloses ewiges und unveränderliches Sein ist, sondern einer, der mitgeht durch Zeit und Raum, der Mensch wird, uns Menschen zu Gute, darum braucht kein Christenmensch Angst zu haben vor dem, was kommt.

Fürchtet Euch nicht! Nicht vor dem Fremden, nicht vor der Veränderung, nicht vor der Vielfalt, nicht vor dem Widerspruch, fürchtet euch nicht!