Montag, 6. März 2017

Freiheit braucht Grenzen

Predigt zum Sonntag Invokavit am 5.3.2917 in der Johanneskirche

Die Geschichte vom Sündenfall also, liebe Gemeinde, gilt es heute zu erzählen und zu predigen, jene Geschichte, wie man uns erzählte, in der „das Weib“, die „alte Schlange“, den Mann verführte, - vielleicht durften Frauen deshalb bis ins letzte Jahrhundert hinein bei uns nicht Pfarrerin und in der katholischen Kirche bis heute nicht Priesterinnen werden –  
Strafe für das „Weib“, das ihren Mann verführt - mit einem Apfel, lüstern anzusehen, weshalb alle Lüsternheit und Lust von Übel ist und uns im Halse steckenbleibt, wenn wir denn davon reden müssten, dass wir sie empfinden, die Lust:
Und dann hüpft der Adamsapfel im Hals und du druckst herum und versuchst hinunterzuschlucken, was doch heraus gehörte und gesagt zu dem geliebten Weibe.

Nein, über die Lust, darüber spricht man nicht, es sei denn öffentlich vor laufenden Kameras, oder über die Lust der anderen.

Doch im Allgemeinen und in der Kirche im Besonderen ist die Lust tabu, denn „durch Adams Fall ist ganz verderbt, menschlich Natur und Wesen“, EKG 243, Gott sei Dank, das Lied fehlt im neuen Gesangbuch - „Erbsünde“ hat die alte Dogmatik gesagt und in ihrer katholischen Variante die vererbte Sünde ans Fleisch gebunden.

Ihr merkt, liebe Gemeinde, in diesem Jahr beginnt die Passion mit der Leidensgeschichte eines Textes. Vielleicht gibt es kaum einen zweiten biblischen Text, der von solcher Wirkung gewesen ist, wie jene Geschichte, und kaum einen zweiten Text, an dem Moral so zum Mythos wurde, wie unser Text. Es macht darum Leid, es macht aber auch Freud, diesen Text zu bedenken. Hören wir hin, ich fang etwas vorher an:

Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und es geht aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilt sich von da in vier Hauptarme…Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel…Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Dies ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht…

Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.

Seht liebe Gemeinde, das sind wohl noch paradiesische Zeiten, an denen man den Tag noch vor dem Abend loben kann und muss, den Tag vor jenem Abend, an dem es kühle ward und sich der HERR im Garten Eden erging.

Paradies, liebe Gemeinde, wer nicht gleich ein Kunstwerk vergangener Tage vor Augen hat – der müsste wohl die Augen zumachen und die Herzen auf, damit er eine Ahnung bekommt von jenem Garten „Eden“ - „Wonne“ heißt das und reimt sich auf Sonne.

Ein Platz an der Sonne stell ich mir vor an diesen grauen Tagen, voll Blumen und Bäumen und Blüten und Früchten und Schmetterlingen. Tiere sehe ich vor meinem Herzauge, in Frieden vereint: Da wohnen die Wölfe bei den Lämmern und die Panther lagern sich bei den Böcken, Kühe und Bären weiden zusammen und ein Säugling spielt fröhlich am Loch der Otter (Jesaja 11).

Ja, auch der Mensch ist dabei, lebt von der Hand in den Mund, nicht aus Not, sondern aus Gewissheit, dass auch der morgige Tag genug zum Leben habe. Und der Mann herrscht noch nicht über seine Frau, sondern staunt über sie mit lautem „Ah“: So wird aus dem hebräischen „isch“, der Mann, „ischah“, die Frau - „Mann“ und „Männin“ hat Luther das Wortspiel unbeholfen nachzuahmen versucht, was wenig ahnen lässt von der Freiheit der Beiden im Garten.

Ja, in Freiheit leben die Beiden. Doch weil Gott, weil er ein guter Vater ist, weiß, wie es jeder gute Vater weiß, dass man keine Freiheit gewährt, wenn man alle Freiheit lässt, setzt er der Freiheit eine Grenze und spricht: „Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen.“ (1. Mose 2,16)

Jede Freiheit, liebe Gemeinde, bewährt sich an der Grenze. Sie ist, soll sie Freiheit bleiben, immer nur begrenzte Freiheit, ein wenn auch weit umzäunter Raum, den wir zu bebauen und zu bewahren haben (1. Mose 2,15).

Jede Freiheit findet ihre natürliche Grenze an der Freiheit anderer. Dass „Freiheit immer die Freiheit des anderen ist“, hat nicht erst Rosa Luxemburg entdeckt. Das ist die Grundlage allen Rechtes.

Was aber ist die Freiheit? Das Recht darauf, Subjekt zu sein, das Recht darauf, sein Person-Sein frei zu wählen und zu leben: egal in welcher Religion oder mit welcher Art der Sexualität, das Recht darauf „Ich“ zu sagen und anders zu sein als andere.

Das Bundesverfassungsgericht versteht die „Würde des Menschen“ in diesem Sinne. Würde und Freiheit sind zwei Seiten einer Medaille. Ihre Unantastbarkeit garantiert die Freiheit des einzelnen, sie begrenzt sie aber auch. Wo die Würde des Menschen verletzt wird, hat die Freiheit ihre Grenze.
Darum ist es recht, wenn wir als Bürgerinnen und Bürger aufstehen gegen Rechtsradikale in unserem Land, wenn wir uns empören, wo Menschen sich zynisch darüber äußern, dass wir in unserem Land die Erinnerung wach halten an die millionenfache Entwürdigung, Freiheitsberaubung und Ermordung von Menschen in unserem Land. Darum ist es recht, wenn wir Grenzen setzen gegen politische Entwürfe, die Menschen anderer Herkunft, anderer Kultur, anderer Religion ihre Würde absprechen.

Die Würde des Menschen, für uns Christenmenschen ist sie mehr als eine subjektive Größe. Für uns ergibt sie sich daraus, Ebenbild Gottes zu sein. Wo die Würde des Menschen verletzt wird, da wird Gott selbst verletzt. An Gottes Gottsein findet alle Freiheit ihre Grenze.

Darum, ihr Lieben, ist es recht, wenn wir nicht nur als Bürgerinnen und Bürger aufstehen, sondern bewusst und bekennend als Christinnen und Christen.

Die Freiheit des Menschen findet an der Würde des Mitmenschen ihre Grenze.

Wir sehen aber, liebe Gemeinde, wie bis heute diese Begrenzung der Freiheit im Widerspruch steht zur Selbstinszenierung des Menschen und wie wir Menschen bis heute versucht sind, diese Grenze unserer Freiheit nicht zu akzeptieren.

Unsere Geschichte ist darum eine Urgeschichte, nicht weil sie beansprucht eine historische, sondern eine urtypische Geschichte für den Menschen zu erzählen.

Der Mensch ist versucht, die Grenze seiner Freiheit nicht zu akzeptieren. Sie erscheint ihm als Gefängnis, aus dem er ausbrechen, als Knechtschaft, von der er sich loskämpfen muss.
Das macht es den Populisten so leicht, diese Behauptung, man müsse sich seine Freiheit erkämpfen, gegen die da oben, gegen das Establishment, gegen …

Die Übertreibung ist dabei nicht nur rhetorisches Stilmittel des Populismus, sondern das Mittel der Versuchung seit alters her.

Tut doch die Schlange in ihrer Frage so, als hätte Gott verboten, von allen Bäumen zu essen. Kein Wunder also: Wo sich die Grenze unserer Freiheit für uns in scheinbare Unfreiheit verkehrt, da sind wir leicht zu versuchen, da schützt auch kein Gewissen:

Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.
  
Seht, liebe Gemeinde, das Gewissen, das kennt der Mensch ja nur als schlechtes Gewissen. Weshalb er unruhig ist, kein sanftes Ruhekissen hat, sondern unstet und flüchtig unter Büschen und Bäumen sich verkriecht, weil das Gewissen ihn plagt.

Und dann fängt er an, sich zu verteidigen, die Schuld auf andere zu schieben, um loszukommen von der Schuld, die ihn plagt. Weil das Gewissen uns dazu treibt, uns selbst zu rechtfertigen, war es für Luther eher ein Werkzeug des Teufels als Gottes.

Gottes Ruf aber ist ein anderer als der des Gewissens: „Adam, wo bist du?“ Da bist du gerufen, herausgerufen unter den Büschen, unter denen du dich mit deiner Schuld verkrümeln willst, herausgefordert, ins Angesicht Gottes zu treten.

„Mensch, wo bist du“ - unter all deinen Selbstanklagen, deinem Schuldbewusstsein, deinem Versagen: „Wo bist du?“

Das Gewissen verklagt, Gott aber sucht den Menschen, behandelt ihn in Würde und lässt ihm die Freiheit auch im Gericht. Adam kann Gott frei und in Würde gegenübertreten: Keine Kapuze über dem Kopf nimmt ihm die Sicht, keine Handschellen binden seine Hände, kein Klebeband verbindet ihm den Mund und kein Foto dokumentiert zynisch seine Demütigung, der Schurz aus Feigenblättern wird ihm gelassen. So anders als der Umgang der mächtigen Sieger im Namen der Freiheit ist Gottes Umgang mit dem schuldigen Menschen.

Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.

Gottes Gericht kennt die Strafe. Wir brauchen uns nur noch einmal unsere paradiesischen Vorstellungen in Erinnerung zu rufen, um zu ermessen, wie schwer die Strafe wiegt. Wo die Freiheit verletzt wird, da ist das Paradies verloren: Der Knabe spielt nicht mehr am Loch der Otter, denn Feindschaft herrscht zwischen Mensch und Tier; der Mann staunt nicht mehr über seine Frau, sondern spielt sich zum Herrscher auf - Haben die Herren des Patriarchats denn nie begriffen, dass Männerherrschaft ein Fluch ist und kein Segen? - und Mühe und Plage prägen das Leben, bis du zu Erde werdest, von der du genommen bist.

„Der Tod ist der Sünde Sold“ - schreibt Paulus. Aber er schreibt noch mehr: Er spricht von Christus als dem zweiten Adam und schreibt:

„Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt“ (Röm 5, 18). Und an anderer Stelle (1. Kor 15, 21-22) „Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.“

Dass Du zur Erde wirst, von der Du genommen bist, ist nicht das Ende. Die Verwesung ist nur ein Durchgangsstadium zur Neuschöpfung Gottes, die in der Auferstehung Jesu Christi begonnen hat.

Mit ihm beginnt das neue Paradies, jenes schöne mit den Schmetterlingen. Die gelten wegen ihrer Metamorphose von der Raupe durch den Kokon zum Schmetterling als Symbol der Auferstehung.

Vielleicht denken Sie daran, wenn Sie in Zukunft einen Schmetterling sehen. Der grüßt Dich freundlich aus dem Paradies, muntert unsere geplagten Gewissen auf, hier, jenseits von Eden.

Hier, jenseits von Eden, wo wir es sind, die den neuen Menschen anziehen, die Gottes neue Welt anfänglich leben, unter denen nicht Jude noch Grieche, nicht Knecht noch Freier, nicht Mann noch Frau mehr gilt, weil wir eines sind in Christus Jesus, unserem Herrn.


Amen.

Dienstag, 21. Februar 2017

Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf

Die Predigt zum Nachhören

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Den Seinen gibts der HERR im Schlaf

Predigt zu Markus 4,26-29 im Dietrich Bonhoefferhaus Troisdorf

„Chen jiten lidido schena“ – Man muss es schon auf Hebräisch hören, das Wort vom Schlaf aus dem 127. Psalm, um darin quasi das In-den-Schlaf-Wiegen zu spüren: Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.

Weshalb er selbst wohl schläft, demonstrativ, im Boot, als seine Jünger in Todesgefahr auf dem Meer sich mühen, am Leben zu bleiben. „Chen jiten lidido schena“ – Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.

„Habt ihr noch keinen Glauben?“ fragt er.

Heißt: Wer glaubt, kann auch schlafen. 

Und es darin dem Herrn gleich tun, der ruhte am siebten Tag von aller Mühe und Plage. Sabbatlich leben, heißt glauben.

Denn den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.

Und damit sie es verstehen und sich zu Herzen nehmen, die Seinen, darum erzählt er ihnen die folgende Geschichte - Markus 4,26-29:

Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen auf das Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht, wie.
Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.
Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da. 



I.
Mit dem Reich Gottes ist es so, sagt Jesus.

Das ist sein Lebensthema, es zu verkündigen sein Auftrag und weiterzugeben sein Testament.

Das erste Wort, das der Evangelist Markus aus Jesu Mund überliefert, gilt dem Reich Gottes: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen“. (Mk 1,15)

Und am Ende, als sie das letzte Mahl gefeiert hatten, da spricht er davon, dass er hinfort nicht mehr trinken wird vom Gewächs des Weinstockes bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes (Mk 14,25).

Mit diesem Gottesreich, auf das Israel hofft von alters, das in Jesus nahe herbeigekommen ist und auf das wir hoffen, gemeinsam mit Israel hoffen, mit diesem Gottes Reich, ist es so:

II.
Ein Gleichnis erzählt er, öffnet die Augen: „Seht was vor Euch steht!“

Wir können’s ja begreifen in diesen Tagen:

Seht, wie es sprosst und treibt, wie Halme sich recken und Köpfe sich strecken. Und du weißt nicht wie.

Und jeder einzelne eine Verheißung auf eine wärmere Zukunft: Schneeglöckchen, Krokusse, Hyazinthen.

Denn von selbst bringt die Erde Frucht.
Ich weiß nicht, wie.

Eben war noch alles kalt vereist, alles Leben stock und steif, scheinbar leblos im Sarg der Winterruhe. Aber der Keim war da. Immer. Unsichtbar. Die ganze Zeit.

Und nun, etwas milder nur das Klima und schon beginnt es zu treiben, das Leben.  Von selbst.

Mit dem Reich Gottes ist es so, sagt Jesus.

Und du weißt nicht wie…

Und du weißt nicht wie schnell zum Beispiel die Zeit verging. Waren doch eben noch klein und auf dem Schoß und turnen nun durch die Welt, als wäre sie ihr Kinderzimmer.

Und du weißt nicht wie…  aber plötzlich war sie da, fühlbar, aber nicht fassbar, kann auch nur sagen dass, kann nicht erklären warum, könnte zerspringen vor Glück, weil sie einfach da ist: die Liebe – und du weißt nicht wie…

Und du weißt nicht wie… aber dass ich hier und nicht dort gelandet bin, dass ich dies gemeistert und an jenem nicht zerbrochen, dass mir immer noch die Kraft zum Leben geschenkt ist… und du weißt nicht wie.

Seht, liebe Gemeinde, mit dem Reich Gottes ist es wie mit diesen vielen „Ich weiß nicht wie…“-Geschichten unseres Lebens. Was wissen wir schon? Und vom Reich Gottes noch viel weniger.

Bei allem strategischen Denken, dem Planen und Konzipieren, nicht nur unseres Lebens sondern auch unserer Gemeinde und unserer Kirche – ich bin erklärtermaßen ein Fan davon, - lasst uns das „Ich weiß nicht wie…“ nicht vergessen, das wundersame, geheimnisvolle, überraschende und doch zugleich verlässliche Hereinbrechen des Reiches Gottes in all unser Tun und Machen.

IV.
Verlässliches Hereinbrechen des Reiches Gottes.

Von selbst bringt die Erde Frucht“. Automatä, steht im Griechischen. Automatisch. Weil es zum Wesen des Samens gehört, aufzugehen und Frucht zu bringen.

Der Same ist aktiv, nicht der Sämann: Der Same geht auf, er wächst, er bringt Frucht. Der Sämann aber schläft und steht auf und schläft und steht auf, Tag und Nacht.

Die Erzählung verkehrt demonstrativ das Tun des Sämanns… -  was muss man nicht alles tun: pflügen, eggen, säen, wässern, jäten…

Die Erzählung verkehrt demonstrativ das Tun des Sämanns ins Nichtstun. Müßiggang. Schlafen und Aufstehen. Während der Same aktiv wird: wächst und gedeiht.

Wie deuten? Vielleicht so, dass es dem Herrn genügt, zu säen und er wachsen lassen kann. Gott hat den Samen des Reiches ausgestreut. Nun wird es wachsen. Bricht hervor, hier und da und dort, wo wir es nicht erwarten und nicht wissen wie.

Seinen Jüngern diese Verlässlichkeit mit auf ihren Weg geben: Das Reich Gottes kann gar nicht anders, als wachsen, aufgehen und Frucht bringen. Und er wird ernten zur rechten Zeit.

V.
Was wächst für uns daraus hervor?

Gelassenheit, denke ich. Denn wenn er selbst es sich gönnen kann, nicht mehr zu tun als zu schlafen und aufzustehen, wie viel mehr müssten dann auch wir lassen können …

Und darauf vertrauen können, dass es wachsen wird, das Reich Gottes.

Konkret zum Beispiel:
In unserem Schwerpunkt Stadtkirche arbeiten wir viel mit flüchtigen Beziehungen. Menschen kommen herein, zum Beispiel ins Kirchencafé, besuchen punktuell die ein oder andere Veranstaltung, hören ein Konzert, sehen einen Film, besuchen eine Ausstellung, erleben eine Diskussion und werden danach vielleicht nie mehr gesehen.

Und tragen vielleicht doch in sich einen Samen, der hier ausgestreut wurde und dort aufgeht, an anderem Ort, zu anderer Zeit, ich weiß nicht wie… Aber darauf vertrauen, gibt uns die Kraft für diese Art Kirche zu sein mitten in der Stadt.

Wir wissen nicht, was die Kinder alles mitnehmen aus unserem Kindergarten, aus den Schulgottesdiensten, aus den Mini- und FamilienKIRCHEN, aber vielleicht ist es ja so ein Samenkorn, dass viel später einmal aufgeht, sie erinnert, ihnen Kraft, Halt, Orientierung gibt, und wir wissen nicht wann und wo und wie.

Ist es mit der Predigt anders? Da redet einer oder eine nach bestem Vermögen und Gewissen und kann gar nicht wissen, was die, die hören, hören. Und es mag sein, dass ein Satz, dem ich gar keine Bedeutung beigemessen habe, für diesen oder für jene wichtig wird, ins Mark trifft und überzeugt, und ich weiß nicht wie.

Gegen die, die in Wittenberg mit Gewalt und Druck die Reformation festzurren wollten, predigte Martin Luther: „Ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst habe ich nichts getan. Das hat, wenn ich geschlafen habe, wenn ich wittenbergisch Bier mit meinem Philippus und Amsdorf getrunken habe, so viel getan, dass das Papsttum schwach geworden ist, dass ihm noch kein Fürst noch Kaiser so viel abgebrochen hat. Ich hab nichts getan, das Wort hat alles gehandelt und ausgerichtet."

Den Reformatoren, die bereit waren ihr Leben für die Reformation der Kirche zu lassen, war wohl bewusst, dass die Zukunft und das Heil der Kirche nicht an ihnen hängen. Sie lebten und arbeiteten in der Gewissheit, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss.

Gelassenheit ist angesagt.

Und Bescheidenheit dazu: Denn wann die Zeit zum Ernten ist, es liegt nicht in unseren Händen. Mag sein, dass wir die Früchte unserer Arbeit nicht werden genießen können. Der eine sät, der andere erntet, Hauptsache, das Reich Gottes geht auf unter uns.

VI.
Ein letztes noch: Ich weiß nicht wie…

Unsere Unwissenheit schließt auch ein, dass wir nicht recht wissen können, wo und wie das Reich Gottes unter uns Gestalt gewinnt.

Das verunsichert. Erst recht, wenn wir uns bewusstmachen, dass das Reich Gottes im christlich-jüdischen Kontext immer auch soziale, gesellschaftliche und politische Dimensionen einschließt.

Viele von uns verunsichert in diesen Monaten der scheinbare Erfolg der Populisten. Das Regieren des amerikanischen Präsidenten ist Grund zur Sorge; die Erfolgsaussichten eine Geert Wilders in den Niederlanden und einer Marine Le Pen in Frankreich können uns fürchten lassen. Und das Erstarken der in vielen Punkten unchristlichen AfD in Deutschland treibt uns auf die Straße.

Was können wir tun? Was müssen wir tun?

Das Wort aussäen? Ja, das Wort aussäen! Einmal mehr reden vom Reich Gottes, das keine Nationen kennt und keine Rassen. Indem nicht Jude ist noch Grieche, nicht Mann noch Frau, nicht Knecht noch Freier, sondern alle eins in Christus.

Und darauf vertrauen, dass die Saat aufgehen wird. Es haben schon so viele Heiden getobt und Völker gemurrt und Könige der Erde sich aufgelehnt und Herren Rat gehalten miteinander wider den HERRN und seinen Gesalbten. Und wir dachten, er schläft…

Der im Himmel wohnt aber lachet ihrer und er HERR spottet ihrer.

Wir wissen nicht wie… aber dass keine Macht stark genug wäre, die Kraft des Reiches Gottes zu hindern, hindurchzubrechen ins Licht, das lehrt uns jeder Löwenzahn, der sich durch den Asphalt bohrt.

Das Reich Gottes würde auch dann, wenn geschehen sollte, was wir nicht hoffen, eine Graswurzel-Revolution bleiben, der sich früher oder später alle selbsternannten Heilsbringer werden beugen müssen.

Wir wissen nicht wann und wie. Er sendet die Sichel, wenn die Zeit der Ernte da ist.


Und wohl erst dann wird sich zeigen, wo und wie das Reich Gottes gegenwärtig ist.  Mag sein, dass wir dann überrascht feststellen werden, wie viel Reich Gottes wir verschlafen haben und er uns trotzdem geschenkt hat.

Mittwoch, 8. Februar 2017

"...der Ort, darauf Du stehst, ist heiliges Land..."

Predigt zu 2. Mose 3,1-12a am letzten Sonntag nach Epiphanias in der Johanneskirche 

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Drangsal gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst. Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Er sprach: Ich will mit dir sein.

Von meiner Großmutter selig wird erzählt, dass sie einstmals, es war just am Tage der Taufe ihres ersten Enkels, welcher ich nicht gewesen bin, weswegen ich die Geschichte auch nur aus der Erzählung und nicht vom eigenen Erleben her kenne und sie also auch nicht sicher verbürgen kann, wiewohl ich um die Zuverlässigkeit der Quelle weiß, die erzählt, dass meine Großmutter, die damals schon jene große und gewichtige, ja korpulente Frau gewesen sein muss, als die ich sie hernach kennenlernte, dass also diese meine Großmutter bei jenem denkwürdigen Ereignis der Taufe ihres ersten Enkels, weiß Gott warum – sei es vor Aufregung, sei es aus Gedankenlosigkeit oder sei es, dass die Großmutter einen ersten Anflug jener Schusseligkeit erlebte, die ihr Alter plagte, sei es wie es will, dass also die Großmutter an jenem Tag zwar im dunklen Kostüm und proper frisiert zur Kirche ging, aber an den Füßen, ja an den Füßen wenig passend und sehr belustigend rosarote Plüschpantoffeln trug, mit faustgroßen Bommeln oben darauf, welche bei jedem Schritt fröhlich wippten, als wollten sie freundlich alles Schuhwerk grüßen, welchem sie begegneten.

Und nun hört von der Freimut meiner Großmutter, welche sich nicht genierte, in Pantoffeln zum Taufstein zu treten, den Knaben auf dem Arm und vor der mächtigen Brust, ihn, ihren ersten Enkel aus der Taufe zu heben.

Es mag sein, dass damals im saarländischen Brebach, wo sich solches zutrug, ein Raunen durch die Gemeinde ging, etwa also lautend – ich übersetze ins Hochdeutsche:

„Habt ihr das gesehen, Wittmans Johanna in Pantoffeln vorm Altar.“
„Respektlos!“
„Wie kann man nur?“
„Schämt sich dies Dreckmensch denn gar nicht?“
„Wirklich vorm Altar? In Pantoffeln?“
„Ei jo, ich saans Dir, vorm Altar hat se gestanden…“
„Und der Pfarrer, hat der nichts gesagt?“
„Ei doch: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht.“ (Mk 10,14).

Seht, liebe Gemeinde, da hat der Pfarrer gut gesprochen. Und wohl dem, der diese Botschaft recht hört. Denn als die getauften Kinder Gottes haben wir einen freien Zugang zum Vater (Eph 2,18) und niemand ist, der ihn uns wehren kann und soll. Und äußere Umstände schon gar nicht. Und das hat mit jener Geschichte zu tun, die uns von Mose berichtet wird.

Auf den ersten Blick könnte man da ganz anderer Ansicht sein: Musste nicht Mose seine Schuhe von den Füßen ziehen? Musste er nicht gerade durch ein äußerliches Zeichen seinen Respekt vor dem heiligen Ort kundtun? Und sind wir nicht also auch gefordert, dem Heiligen am heiligen Ort ehrfurchtsvoll und äußerlich ergeben zu begegnen?

Es wird sie, liebe Gemeinde, hoffentlich nicht irritieren, wenn ich diese Fragen einerseits, nämlich im Blick darauf, dass dem Heiligen geheiligt zu begegnen ist, eindeutig bejahe.

Und andererseits, nämlich im Blick auf eine bestimmte Vorstellung vom heiligen Ort sogleich in Frage stelle, ja, in einem gewissen Sinn sogar verneinen muss.

Ich beginne mit dem „Nein“, das in seinem Kern ein „Ja“ ist, ein „Ja“ Gottes nämlich zu Dir, liebe Gemeinde.

II.
Sehe ich es recht, liebe Gemeinde, dann nimmt unser Text eine alte Vorstellung aller Religionen auf, um sie sogleich in ganz charakteristischer Weise aufzuheben, in sich aufzuheben und neu zu verstehen.

Es ist die Vorstellung, dass es Orte gibt, an denen das Heilige haftbar gemacht werden kann. Flüsse und Seen, Berge und Bäume wussten die alten Religionen zu benennen, an denen die Gottheit wohnt. Heilige Stätten, eigentümlich anziehend und abstoßend, heilsam und gefährlich. Eine Vorstellung, die auch manche und machen von uns angesichts prächtiger Kirchen und wuchtiger Altäre erfüllen mag.

Auch unser Text knüpft an diese Vorstellung an: Mose muss über die Wüste hinaus zum Berge Horeb, welcher der Berg Gottes ist. Hier ist der Ort, da der Heilige wohnt. Und hier ist das „Land der Heiligkeit“. Und selbstverständlich gilt: „Zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort darauf du stehst, ist heiliges Land.“

Arme Großmutter, würde unsere Geschichte hier enden.

Aber sie geht ja weiter:
Der Heilige redet mit Mose aus dem Dornbusch. Und was er redet, ist ein um das andere Mal die Ankündigung, dass er den heiligen Berg verlassen wird und sich in Leben und Gemeinschaft der Menschen begeben wird. Gott tritt in Beziehung und will so verstanden und gedacht sein.

Hören wir zu:
„Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs“.

Mit Menschen setzt sich Gott in Bezug, nicht mit heiligen Stätten.
Mit einer Geschichte, nicht mit einem Ort.
Mit einer Verheißung!
Mit einem Weg!
Mit dem Leben!

Und darin wird er erkannt. Erst jetzt verhüllt Mose sein Angesicht, denn er fürchtet, Gott anzuschauen.

Hören wir weiter:
„Ich habe das Elend meines Volkes gesehen und bin hierniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand.“

Setzt sich Gott mit dem Leben in Bezug, dann auch mit dem Leiden.
Herniedergefahren ist Gott. Den man in der Höhe vermutete, den findet man nun in der Tiefe, in der Gegenwart von Elend und der Unterdrückung, da ist Gott zu finden.

[Jüdische Ausleger haben dies noch deutlicher erkannt: „Warum“, so fragen sie, „erscheint Gott dem Mose im Dornbusch, wo doch der Dornbusch der niedrigste aller Bäume auf der Welt ist? Warum spricht der Heilige, gelobt sei ER, nicht aus der Mitte eines großen Baumes, etwa einer Dattelpalme?“
Die Antwort: „Darum: Wie der Dornbusch der niedrigste aller Bäume auf der Welt ist, so waren auch die Israeliten niedrig und den Ägyptern untertan.“

Der Dornbusch versinnbildlicht Israels Not und Gottes Mitleiden. Spricht Gott aus dem Dornbusch, dann spricht er bereits mitten aus dem Leiden, spricht er mitten aus dem Volk, das er sich zum Ort seiner Heiligkeit erwählt hat.]

Das Leben in seiner ganzen Fülle, und das heißt eben auch: Das Leiden, die Tiefe der Welt, das ist der Ort, den der Heilige sich erwählt hat.

Hören wir weiter, dann hören wir auch, mit welchem Ziel sich Gott in die Niederungen begibt:
„Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt.“

Herausführung, Exodus aus dem Leid, ein weites Land: Das ist Gottes Verheißung für das Leben.

Und dann zum Schluss die Stimme aus dem Dornbusch, die spricht:
„Ich will mit dir sein.“
Das ist die Spitze. Der Heilige verlässt den heiligen Berg, um mit Mose zu gehen.  Er verlässt den heiligen Berg, um mit seinem Volk zu sein. Die ganze lange Mosegeschichte, die wir im Anschluss an unseren Text weiterlesen können, ist die Geschichte des Gottes, der bei den Menschen ist, ihnen vorangeht und sie so zum heiligen Ort macht.

Als christlicher Prediger setze ich noch eines dazu: Wir beschließen heute im Kirchenjahr den Weihnachts- und Epiphaniasfestkreis, in dem wir feiern, dass Gott in Jesus Mensch wurde. Mehr und deutlicher konnte Gott nicht zeigen, dass er mitgeht, bei den Menschen wohnt, sie sich zum Ort seiner Heiligkeit auserwählt hat.
Und das gilt in besonderer Weise für seine Gemeinde.

Paulus spricht daher von der Gemeinde als dem Tempel, und das heißt: der Wohnung Gottes: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt… der Tempel Gottes ist heilig: der seid ihr!“ (1. Kor 3,16f.)

Paulus übersetzt damit ins Bild, was Jesus so verheißen hat: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Gott wohnt bei den Menschen. Der Heilige hat sich begeben mitten an den Ort der Unheiligkeit, um ihn heilig zu machen.

Das ist das „Nein“, das ich sprechen muss: „Nicht an irgendwelchem Ort, nicht gefangen in Kirchen und Tempeln ist Gott, sondern in und mit seinem Volk aus Juden und Heiden.“

III.
Und nun lasst uns zuletzt das „Ja“ bedenken, das ich dazu spreche, wenn es heißt: „Zieh deine Schuhe von den Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land“.

Es ist ja nicht so, als hätte dieser Satz seine Gültigkeit verloren. Es bleibt dabei: Dem Heiligen ist geheiligt zu begegnen.

Gültig bleibt Gottes Gebot: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR euer Gott.“ (Les 19,2)

Aber die Konkretion wird eine andere.

Schon im Alten Testament wird das Heiligkeits-Gebot nicht rituell, also auf äußere Bereitung hin konkretisiert, sondern sozial, nämlich so:

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR“ (Leb 19,18).

Oder „Vor einem grauen Haupt sollst Du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR!“ (Lev 19,32).

Und nochmals weiter und durchaus aktuell: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken… Ich bin der HERR; euer Gott“ (Lev 19,33).

Weil Gott sich die Menschen zum Ort seiner Heiligkeit erwählt hat, haben wir den Satz: „Zieh deine Schuhe von den Füßen, denn der Ort darauf du stehst, ist heiliges Land“ nochmals für uns zu buchstabieren:

Mich lehrt der Satz einen neuen Umgang mit der Gemeinde. Ich sehe sie mit neuen Augen. Denn ohne sie kann ich Gott nicht haben. Ja, sie ist der Tempel Gottes und ist heilig. Und ich begegne ihr, wie es dem Heiligen gebührt. Ich suche ihre Nähe. Ich erfreue mich ihrer Gemeinschaft. Ich meide, was sie verletzt. Ich feiere ihre Gottesdienste. Ich setze, wie es meine Großmutter tat, die Verbundenheit zur Gemeinde der Getauften über alle Äußerlichkeiten, die uns von ihr trennen mögen. Denn ich glaube Gottes Mit-Sein, er ist hier und ist dabei, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind.

Zweitens: Ich sehe das Leben neu an. Mein eigenes und das der anderen Menschen. Ich bin gespannt, welche Wege Gott mit mir in meinem Leben gehen wird. Ich merke, dass das Leben offen ist, offen für neue Wege. Offen für Befreiungen. Nichts muss so bleiben, wie es war.

Und ein drittes: Ich sehe das Elend neu an. Sage ab dem Katastrophen-Voyeurismus, der wo immer Leid geschieht, sich zum Zuschauer macht, dafür aber versagt, wenn es darum geht, der Not zu wehren. Mich macht zornig alle Willkür der Pharaonen unserer Tage und lässt mich, wo immer möglich, das Gespräch mit jenen suchen, die in Politik und Gesellschaft was zu sagen haben: „Geh zum Pharao…“

Und ein letztes, und es mag sein, das mancher und manche schon darauf wartet: Ich für meinen Teil sehne mich auch nicht nach großen religiösen Erlebnissen. Ich suche nicht nach brennenden Dornbüschen und eifere auch nicht nach großen Erscheinungen. Ich lass es mir genügen, um die Nähe Gottes bei den Menschen zu wissen. Und glaube das Schauen für das Ende der Zeit. In der Zwischenzeit aber freue ich mich an der Gemeinde der Getauften. Die ist bunt und vielfältig, heilig allemal, mit Pumps oder Pantoffeln.

Sonntag, 29. Januar 2017

Was würde Jesus dazu sagen?

Die Predigt zum Nachhören
zu Hebräer 13,7-8 anlässlich des 125. Geburtstages Martin Niemöllers
in der Johanneskirche, der evangelischen Stadtkirche in Troisdorf

Im Gottesdienst wurden ausschließlich Lieder aus der Zeit des Kirchenkampfes gesungen.
Der Mitschnitt beginnt mit dem Glaubenslied Rudolf Alexander Schröders: Wir glauben Gott im höchsten Thron und endet mit dem Gemeindegesang "Es mag sein, dass alles fällt..."

Die Predigt beginnt bei 2:51 min.

video

Was würde Jesus dazu sagen?

Predigt zu Hebräer 13,7-8 
anlässlich des 125. Todestages von Martin Niemöller


Liebe Gemeinde,

der Hebräerbrief hat im Blick, dass Glaube eine Geschichte hat. Keine abstrakte, sondern eine, die immer Lebensgeschichte ist. Lebensgeschichte von Menschen, die geglaubt haben. Von der Wolke der Zeugen spricht der Hebräerbrief, wir haben das in der Lesung gerade gehört.

In den letzten Ermahnungen, im 13. Kapitel heißt es dann: „Gedenket Eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach. Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“

Ich nehme dieses Bibelwort gerne als Ausgangspunkt meiner Erinnerung und Auseinandersetzung mit Martin Niemöller.

Dass wir die nicht vergessen sollen, die durch Wort und Tat uns den Glauben bezeugt haben, ist das eine: Martin Niemöller, an den ich heute erinnern möchte, ist für mich und viele Menschen so einer.

Mich hat in meinem Christwerden und Christsein diese Biografie eines Mannes, der unerschrocken Hitler die Stirn bot und dafür als dessen persönlicher Gefangener 8 Jahre in Haft gehalten wurde, fasziniert. Wie mich auch die Haltung eines Dietrich-Bonhoeffer beeindruckte oder die des Hunsrücker Pfarrers Paul Schneider, der mir als Trierer natürlich sehr nahe war.

Menschen, die um des Glaubens willen ihr Leben riskierten… „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche…“, der Ausspruch des Kirchenvaters Tertullian hat sein Recht: Ich glaube, wir brauchen im Glauben Vorbilder und Identifikationsfiguren, Menschen, die den Glauben überzeugend leben, weil bei ihnen Wort und Leben eines sind. Menschen, die – vielleicht mit zagender Stimme und zitternden Knie und dennoch frei selbst den Mächtigen sagen, was sie um Christi willen zu sagen haben.

Bei Niemöller gibt es dazu eine Schlüsselszene: Im Zuge der Bemühungen des nationalsozialistischen Staates, Zugriff auf die Evangelische Kirche zu erlangen, war Niemöller unter anderem mit der Gründung des Pfarrernotbundes und seiner klaren Positionierung für die Freiheit der Kirche rasch einer geworden, der im deutschen Protestantismus Stimme und Gewicht hatte. Es wird kolportiert, dass sonntagsmorgens die S-Bahn nach Berlin-Dahlem raus, wo Niemöller predigte, regelmäßig überfüllt war. Manchmal sagte der Schaffner am Thielplatz: „Zur Predigt von Pastor Niemöller hier aussteigen!“

Diese Bekanntheit brachte es mit sich, dass Niemöller mit anderen führenden Köpfen der Evangelischen Kirchen am 16. Februar 1934 zu Hitler in die Reichskanzlei einbestellt wurde. Im Gespräch sagte Hitler sinngemäß: „Kümmern Sie sich um die Kirche, aber die Sorge um das deutsche Volk lassen sie mir!“

Bei der Verabschiedung kam Niemöller darauf zu sprechen: „Herr Reichskanzler, Sie haben vorhin gesagt: ‚Die Sorge um das deutsche Volk, die überlassen sie mir‘… Aber die Verantwortung für das deutsche Volk, die können wir nicht weggenommen bekommen, die hat Gott uns auferlegt, und kein anderer als Gott kann sie von uns wegnehmen – auch Sie nicht.“ Daraufhin zog Hitler seine Hand zurück und verließ den Raum.

Am 1. Juli 1937 wurde Niemöller verhaftet. Die Anklage konzentrierte sich auf juristisch-staatspolitische Aspekte und warf Niemöller vor, dass er in Predigten und Vorträgen „in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise“ Maßnahmen der Regierung kritisiert und „gehässige und hetzerische Äußerungen“ über einzelne Personen der Führung des Staates getan habe.

Doch die Anklage stand auf dünnem Eis. Niemöller verstand es, sich zu verteidigen: unter Hinweis auf seine Nationalkonservative Gesinnung – er war schon seit 1924 NSDAP Wähler; in Verwendung von Hitlers früheren Äußerungen zur Freiheit der Kirche – er führte also den Führer selber an; ja auch im Hinweis darauf, dass die Juden ihm „unsympathisch und fremd seien“, ergänzte diese Aussage aber durch den Hinweis darauf , „dass es der Kirche verwehrt sei, die Taufe durch den Stammbaum auszuwechseln“ und „Gott nach unserem Bilde, dem arischen Bilde, zu formen“. Dass er später im Verhältnis zu den Juden zu anderen Positionen fand, hat nicht zuletzt etwas mit dem Einfluss von Dietrich Bonhoeffer und Karl Barth zu tun.

Es erfolgte schließlich ein Urteil, das sich in Teilen wie eine Ehrenerklärung liest. Die darin verhängte Festungshaft – die nur verhängt wurde, wenn der Täter aus ehrenhaften Motiven gehandelt hat – galt mit der Untersuchungshaft als abgesessen. Niemöller hätte das Gericht als freier Mann verlassen können.

Stattdessen wurde er auf persönlichen Befehl Hitlers ohne Begründung erneut inhaftiert und dann ins KZ Sachsenhausen verlegt, wo er 3 Jahre in Isolationshaft gehalten wurde, bis er 1941 nach Dachau kam.

Gedenk Eurer Lehrer… sich solcher Menschen, die einen Eindruck auf uns im Christwerden und Christsein gemacht haben, zu erinnern, das ist das eine.

II.
Das andere aber ist das „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“.

Wer sich mit Martin Niemöller befasst, lernt schnell, dass bei allen Wendungen, die er in seinem Leben machte, und davon gab es einige, es doch nur ein Kontinuum gab, nur einen roten Faden: Der Glaube an Jesus Christus und das Bekenntnis zu ihm.

Nach 1945 erklärte Niemöller mehrfach, der einzige Glaubenssatz, den er als Dogma für sich anerkenne, sei die Erste These der Barmer Theologischen Erklärung: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das ein Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“

Niemöller, der im ersten Weltkrieg bei der Marine als U-Boot-Kommandant Soldat war, hatte durchaus einen Begriff von Gehorsam. Diesen soldatischen Gehorsam aber bezog er spätestens seit der Bekenntnissynode von Barmen konsequent und exklusiv auf Jesus Christus. Ihm und nur ihm allein gilt es zu gehorchen… und koste es das eigene Leben.

Sich in diesem Gehorsam zu wissen, diesem Herrn zu dienen, das macht frei von aller Furcht gegenüber Mächten und Gewalten.
Was gilt, ist nicht die Furcht, sondern einzig die Frage, was aus dem Gehorsam gegenüber Jesus Christus in der je vorfindlichen Situation zu tun oder zu lassen ist: „Was würde Jesus tun? Was würde Jesus dazu sagen.“

Jede Biografie hat ihre eigenen Bilder. Niemöller erzählte gerne, wie er als kleines Kind – er war als Sohn eines Pfarrers in Lippstadt geboren… Der Vater erkannte mit den Theologen Friedrich Naumann und Adolf Stücker die soziale Frage als eine geistliche Frage. Das veranlasste ihn, in eine Pfarrstelle nach Elberfeld ins Arbeiterviertel zu wechseln und sich um die Arbeiter dort zu kümmern.

Niemöller erzählt, wie er den Vater zu einem sterbenden Weber begleitet. Und während der Vater am Bett mit dem Sterbenden betete, saß der Junge in der Stube auf dem Stuhl und sein Blick fiel auf ein gesticktes Bild, auf dem stand: „Was würde Jesus dazu sagen?“

In seinen letzten Lebensjahren resümierte Niemöller: „Ich bin in punkto christlicher Ethik heute nicht schlauer als damals…“

Das Bekenntnis zu Jesus Christus als alleinigem Herrn der Kirche und des eigenen Lebens, ja, das ist der rote Faden: Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.

III.
Aber weil das gestern nicht das heute ist und die Ewigkeit nicht das jetzt, darum ist die Antwort auf die Frage, was Jesus heute sagen würde, durchaus nicht dieselbe.

Martin Niemöller, so habe ich seine Biografie gelesen, hat immer wieder neu Antworten auf die Frage ganz konkret in der jeweiligen Zeit, in der er lebte, und den Umständen, mit denen er zu tun hatte, gesucht.

Das Evangelium, das war seine Grundüberzeugung, muss hineingesprochen werden in die jeweils konkrete Situation.

Die Botschaft von der in Christus verbürgten Liebe Gottes wird in jeder Situation andere Gestalt gewinnen. Es gibt von daher keinen christlichen Standpunkt, keine Position, die nicht hinterfragt werden müsste oder geändert werden könnte.

Und immer wieder hält uns das Evangelium einen Spiegel vor, der uns eigene Irrtümer und falsche Wege erkennen lässt.

Man kann solch eine Wandlung beispielsweise nachzeichnen in Niemöllers Bezug zum Militärischen:
1910 trat Niemöller in die Marine ein, schlug die Offizierslaufbahn ein. Im ersten Weltkrieg war er schließlich und mit Begeisterung U Boot Kommandant. Nationalistisch, soldatisch, kampferprobt – und dabei christlich. Denn mit vielen anderen Protestanten kämpfte er für Gott, Volk und Vaterland, fühlte sich dem protestantischen deutschen Kaiser verpflichtet und ergeben.

Seine anfängliche Affinität zum Nationalsozialismus gründete in dieser nationalkonservativen Haltung, die mit der neuen Demokratie so gar nichts anzufangen wusste. Dem Wiedererstarken auch des Militärischen stand er offen gegenüber, denn die Demütigung von Versailles und die Dolchstoßlegende gehörten zu seinen Denkmustern.

Ganz anders dann aber der Niemöller nach der Erfahrung des Nationalsozialismus und des Krieges. Von seiner Zeit als U-Boot-Kommandant konnte er weiter schwärmen und hielt die Erinnerung daran persönliche gerne fest. Aber als sich unter Adenauer die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik anbahnte, da sah er darin die Gefahr der Verfestigung der Deutschen Teilung und wurde aus diesem Grund zum praktischen Pazifisten.

Es taugt nicht, wenn man anfängt, militärisch aufzurüsten und gleichzeitig an der Wiedervereinigung festhalten will. Er sah voraus, dass das nur die entsprechende Gegenreaktion auf der anderen Seite hervorrufen würde und man zu einem Wettrüsten kommen würde. Also aus praktischen Gründen: Pazifist!

Radikal wurde sein Pazifismus, als die USA 1952 die erste Wasserstoffbombe zündeten und die Sowjetunion ein Jahr später nachzog. Niemöller ließ sich mit anderen EKD Führern 1954 von den Physikern Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker und Otto Hahn informieren.

Hahn sagte, für die Wissenschaft ist es kein Problem mehr, einen Apparat zu konstruieren, mit dem man alle Lebewesen auf der Oberfläche dieses Planeten verschwinden oder sterben lassen kann.
Niemöller fragte Hahn: „Herr Hahn, was wäre passiert, wenn Adolf Hitler so einen Apparat gehabt hätte?

Hahn antwortete nicht, Weizsäcker guckte auf die Seite und Heisenberg sagte, „ach, Herr Pastor, dann brauchten wir uns darüber den Kopf nicht mehr zu zerbrechen“.

Für Niemöller war das der Punkt, an dem er Pazifist wurde, und zwar aus theologischen Gründen, nicht aus politischen Gründen: „Es geht hier zunächst gar nicht um Krieg und Frieden…“, schrieb Niemöller. „Die politische Frage lässt mich vollkommen kalt. Sondern die Frage heißt… Haben wir Menschen eigentlich das Recht, Dinge zu tun und uns mit Dingen abzugeben, die dem Schöpfer das Zepter aus der Hand nehmen, in dem sie das, was er geschaffen hat, vernichten, nämlich das Leben? Das ist eine religiöse, das ist eine dogmatische, das ist eine Frage der Verkündigung.“ Und er ergänzte: „Ich bin seit 1954 theologisch etwas anderes, als was ich vorher war.“

IV.
Liebe Gemeinde, der Glaube, wenn er denn nicht bloßer Dogmatismus ist, sondern Glaube, der sich auf die Erfahrung des Lebens bezieht, dann stellt der Glaube unsere Überzeugungen immer wieder neu in Frage, nötigt uns immer wieder dazu, für diese Gegenwart Antworten auf die Frage zu suchen: „Was würde Jesus dazu sagen?“

Dieser Glaube überführt uns auch der eigenen Schuld und des eigenen Versagens. Niemöller schuf sich im Umgang mit der Frage der Schuld, der persönlichen, der der Kirche, der der Gesellschaft, viele Feinde.

Denn er war einer der wenigen, die nach dem Krieg als Bußprediger durchs Land zogen, und die Menschen an ihre persönliche Schuld und ihr persönliches Versagen erinnerte, indem er an seine persönliche Schuld und sein Versagen erinnerte:

„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war je kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte“.

Dabei war er weit davon entfernt, von einer Kollektivschuld der Deutschen zu reden. Erst recht auf internationalem Parkett. international: Niemöller, einer der großen Ökumeniker, war einer der ersten Deutschen, die zu Reden und Vorträgen ins Ausland eingeladen wurden. Wo immer möglich wies er Kollektivschuld-Theorien zurück, hielt Plädoyers für die Einheit Deutschlands, wies auf das Flüchtlingselend der vertriebenen Deutschen hin. Aber in Deutschland selbst hielt der seinen Hörerinnen und Hörern im Bekenntnis seiner eigenen Schuld den Spiegel vor und mahnte sie, mit den Fragen der Gegenwart im Sinne Jesu umzugehen, damit sich nicht wiederholen kann, was schon einmal geschah..

Eine Frage der Gegenwart war das Flüchtlingsproblem: Es ist ja nicht so, als wäre die damalige westdeutsche Gesellschaft, gewiss auch in ihrer eigenen Not, willig und offen gewesen, die Fülle an Flüchtlingen aufzunehmen, die ins Land strömten. Niemöllers Appelle lesen sich, als wären sie heute geschrieben:

"Wir versuchten, für das Flüchtlingsproblem eine billige Lösung zu finden,“- schreibt er 1949 -  „und jetzt zeigt uns Gott, dass es keinen anderen Ausweg gibt als unsere Bereitschaft, den vollen Preis zu zahlen und den Flüchtling als unseren Bruder zu akzeptieren. Wir versuchten, mit ihnen wie mit Bürgern zweiter Klasse umzugehen, aber jetzt erkennen wir, dass es keine Lösung gibt, bis wir sie wie jeden anderen anständigen Bürger ansehen und für sie zahlen".

V.
Liebe Gemeinde,
„Gedenket Eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach. Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“

Das Gedenken an Martin Niemöller als Lehrer der Kirche - Schlaglichter nur. Mag sein, dass meine Schlaglichter dem ein oder anderen zu undifferenziert, zu wenig problematisierend, zu verklärend erscheinen.

Aber was doch bleiben würde, selbst bei ganz anderer Bewertung, ist doch dies, dass Niemöller uns sehr konsequent die Frage mit auf den Weg gibt: „Was würde Jesus dazu sagen?“

Eine Frage, die – und das ist meine Überzeugung – eine Frage, die uns in diesen Tagen nicht nur in der Frömmigkeit bewegen soll, sondern aus Frömmigkeit heraus zwingen zu einer politischen Frage wird.

Wir erleben eine Politik, in der sich Herrscher erheben und per Dekret regieren, Grundrechte einschränken, Menschen und ganze Nationen einzuschüchtern versuchen. Wir erleben eine Politik, in der die Rhetorik aus Hitlers „Mein Kampf“ stammen könnte und die ersten Taten des amerikanischen Präsidenten keinen Anlass geben, anzunehmen, dass er nicht bereit ist, den Worten Taten folgen zu lassen.

Wir erleben das Zusammenrotten nationalistischer Kräfte in Europa und die Verachtung und Diskriminierung von Menschen anderer Kultur, anderer Religion und Weltanschauung, anderer sexueller Orientierung.

Immer lauter, immer unverhohlener und mit immer größerem Erfolg.

Liebe Gemeinde, ja ich glaube, dass wir in Zeiten leben, in denen unser Zeugnis in der Nachfolge Jesu Christi wieder einmal zum politischen Bekenntnis werden muss, zwangsläufig, nicht weil wir es wollen, sondern weil wir es müssen, um Jesu Christi willen: Er ist derselbe, gestern, heute, und in Ewigkeit. Amen.

[Alle in der Predigt verwendeten Zitate Niemöllers sind der Biografie von Michael Heymel entnommen: Michael Heymel, Martin Niemöller. Vom Marineoffizier zum Friedenskämpfer, Darmstadt 2017]