Sonntag, 25. Dezember 2016

Welt ging verloren - freue Dich o Christenheit

Die Predigt zu Johannes 3,16-21 aus der Christvesper 2016 zum Nachhören


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Welt ging verloren - freue dich, o Christenheit

Predigt zu Johannes 3,16-21 in der Christvesper 2016

Liebe Gemeinde,

damit alle unter uns, die sich selbst verloren haben angesichts der Läufe ihres Lebens oder mit dem Blick auf diese Welt, damit alle, die sich selber verloren haben oder glauben, verloren zu sein, damit wir also wieder ins Leben finden, darum wird uns zu dieser Weihnacht als Predigttext aus dem Johannesevangelium das Wort des Lebens gesagt:

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

Etwas verloren, liebe Gemeinde, stelle ich ihn mir vor, wie er in der Nacht durch die Gassen Jerusalems irrt, um den zu finden, von dem er hofft, Antworten zu hören. Antworten, auf Fragen, die sich ihm stellen, ihm, Nikodemus, dem gelehrten Pharisäer, Angehöriger des Hohen Rates, Amtsträger.

Man ist so schnell geneigt zu glauben, dass die, die Ämter haben, dass die auch Antworten hätten auf all die Fragen, die sich uns Normalbürgern so stellen. In Zeiten, in denen die, die einfache Lösungen verkaufen, Siege davon tragen, ist es ja nicht leicht, zuzugeben, dass man selber nicht weiß, wie es gelingen soll. Dass man selber mehr Fragen als Antworten hat. Dass man ehrlicherweise nicht alle Probleme lösen kann und selbst die, die wir lösen können, werden nicht ideal sein. Es wird Verlierer geben.

Geschweige denn, dass man dazu steht, als Amtsträger dazu steht, zu zweifeln: am Gutem im Menschen und an einem Gott, der allmächtig und liebend zu gleich ist…

Die Funktionseliten unseres Landes, die Menschen in Politik, den Medien, in den Religionen, ja auch in den Kirchen tragen mehr und mehr die Bürde ihrer Ämter. Da ehrlich zu bleiben, wahrhaftig und demütig gegen sich selbst, ist schwer.

Die Weltvereinfacher sonnen sich zunehmend im gleißenden Licht ihrer Erfolge. Den andern bleibt die Nacht.

II.
Schlaflos irrt Nikodemus, als Mitglied im Hohen Rat Amtsträger zu Jesu Zeiten, irrt er durch die einsamen Straßen Jerusalems auf der Suche nach einem, mit dem er reden kann: Offen, ehrlich und unverstellt.

Was ihn umtreibt?

Ein Klassiker unter den Schlafräuberinnen: Die Frage, ob es denn noch eine Hoffnung gibt, eine Hoffnung auf ein Neues. Wird sich denn noch einmal was ändern?

Kann ich noch was erwarten vom Leben? Was Neues, Anderes, Besseres?

„Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist?“

Wird das Leben, das vor mir liegt, mehr sein als nur die Anhäufung immer Desselben?

Diese Frage im Gepäck, liebe Gemeinde, ich denke, viele von uns kennen Sie gut. Ob am Anfang meines Weges: Wer bin ich? Was will ich werden? Was soll ich machen, lernen, arbeiten? Wen lieben oder heiraten? Kinder? Karriere?

Oder als Midlife-Crisis in der Mitte Deines Lebens: Beruflich etabliert bis zur Regungslosigkeit. Die Beziehungen in Routinen erstarrt. Und dazu die Angst davor, alt zu werden.

Oder dann, wenn du den Beruf an den Nagel hängen kannst, der Ruhestand angeblich wohlverdient gekommen ist und du dich fragst, was denn jetzt noch drin ist, in dem Leben vor deinen Füßen.

Liebe Gemeinde, die Frage nach dem Leben, das vor uns liegt, treibt uns so manche Nacht durch die Zimmer und Gassen.

III.
Nikodemus findet Jesus. Und in ihm den, der seinem verlorenen geglaubten Sinn einen Ort gibt: Das Leben.

Wenn es einen Sinn gibt, den sich zu finden lohnt, dann ist er im geglaubten Leben und im gelebten Glauben zu finden.

„Also hat Gott die Welt geliebt, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. – Wer an ihn glaubt… der kommt zu dem Licht…““

a.)
Das geglaubte Leben zuerst: Dieses Leben, mein Lieber, das du lebst, ist geliebtes Leben. Und weil es geliebtes Leben ist, ist es ewiges Leben.

Gott hat diese Welt geliebt, keine andere. Darum ist er als Mensch in diese Welt gekommen. Diese Welt, die niemals und nirgendwo perfekt war, niemals und nirgendwo nur gut, niemals und nirgendwo gerecht: Wir wissen das nicht erst seit dem 11. September 2001 oder dem 19. Dezember 2016, haben eine Ahnung davon nicht nur in Berlin, Aleppo, Nizza, Istanbul, Brüssel, Paris, Palmyra, Mossul…

Aber es ist, es ist diese Welt, die Gott liebt. Nicht weil er sie liebenswert findet, sondern weil er sie liebenswert machen will.

Weil Gott sich in diese Welt begibt und dieses Leben lebt, ist diese Welt der Ort Gottes, nicht eine jenseitige oder zukünftige. Und dieses Leben, mit all seiner Brüchigkeit und Verlorenheit, mit all dem, was sich falsch anfühlt und schlecht läuft, dieses Leben ist ewiges Leben, nicht ein zukünftiges am berühmten Sankt Nimmerleins-Tag.

Ewiges Leben, liebe Gemeinde, ist keine zeitliche Kategorie – kein Leben, dass erst nach dem Tod beginnt und dann ohne Ende ist. Ewiges Leben ist keine zeitliche, sondern es ist eine qualitative Kategorie.

Ewiges Leben ist Leben, dass hier und jetzt darum weiß, dass es von Gott geliebt ist, dass Gott in ihm geheimnisvoll gegenwärtig ist.

Das Gott Mensch wurde, liebe Gemeinde, wie wir es Jahr für Jahr feiern, macht dieses Leben und diese Welt zum Schauplatz Gottes.

b)
Wer das glaubt, sagt Jesus, geht nicht verloren, sondern entdeckt, dass das geglaubte Leben nach gelebtem Glauben ruft. Dass diese Welt nicht bleibt, wie sie ist, darum hat Gott die Welt geliebt. Seine Liebe findet uns nie liebenswert vor, aber sie macht uns liebenswert.

Darum ruft das geglaubte Leben nach dem gelebten Glauben.

Ruft danach, dass wir beginnen dieses Leben wertzuschätzen, zu achten, zu schützen, zu gestalten, zu leben.

Dass wir es ergreifen.

Es zieht sich ja wie ein roter Faden durch das Johannesevangelium:
Das Leben ist da – und Glaube heißt, es zu leben.
Das Licht ist da – und Glaube heißt, darin zu wandeln.

Aber die Menschen haben es nicht ergriffen.

Gericht, diese immer wieder missbrauchte Idee einer Gerechtigkeit, Gericht ist, das Leben zu verpassen, sich in ihm und seinen Wirren zu verlieren.

Gott aber ist nicht gekommen, zu richten, sondern zu retten. Menschen zu helfen, das Leben zu finden, nicht den Tod.

IV.
Liebe Gemeinde,

vor wenigen Tagen hat ein vermutlich religiös verblendeter Mensch sich das Recht genommen, anderen Menschen das Leben zu nehmen. Vermutlich in der Überzeugung, das Rechte zu tun.

Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, sagt Jesus.
Und sie tun das Böse.

Gegen diese Erfahrung gilt es einmal mehr, das Leben zu lieben.
Es zu leben, zu genießen, zu gestalten – für mich ist das gelebter Glaube.

Den Feinden des Lebens mit der Liebe zum Leben und der Liebe zur Welt und den Menschen zu begegnen, liebe Gemeinde, das heißt in diesen Weihnachtstagen Nachfolge Jesu Christi.

„Welt ging verloren, Christ ist geboren – freue dich, freue dich o Christenheit“.

Dieser Trotz, die Weihnachtsfreude gegen die Verlorenheit der Welt zu leben, ihr Lieben, das ist das Zeugnis, das in diesen Tagen gelebter Glaube ist: Freue dich, freue dich o Christenheit.


Sonntag, 23. Oktober 2016

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist...

Predigt zu Mich 6,2-8
am 23.10.2016 im Dietrich-Bonhoefferhaus

Höret, ihr Berge, wie der HERR rechten will, und merkt auf, ihr Grundfesten der Erde; denn der HERR will mit seinem Volk rechten und mit Israel ins Gericht gehen!
 »Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Das sage mir!
 Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam.
 Mein Volk, denke doch daran, was Balak, der König von Moab, vorhatte und was ihm Bileam, der Sohn Beors, antwortete; wie du hinüberzogst von Schittim bis nach Gilgal, damit ihr erkennt, wie der HERR euch alles Gute getan hat.«
 »Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem hohen Gott? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern? Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?«
 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Liebe Gemeinde, gesetzt den Fall, Jabar al-Bakr wäre dazu gekommen, zu tun, was er wohl vorhatte: Hätte eine große Menge Sprengstoff zünden können, zum Beispiel im viel zu engen und stets überfüllten Flughafen Tegel, jedenfalls dort wo seine Bombe viele Menschen getötet, verstümmelt und traumatisiert hätte, gesetzt den Fall er hätte überlebt, wäre gefangen und säße nun vor uns, und wir hätten zu richten…. Was würden wir urteilen?

Madrid im November 2007. Vor dem Nationalen Gerichtshof Spaniens stehen 28 Menschen, die beschuldigt werden, die Attentate vom 11. März 2004 auf vier Madrider Vorortzüge verübt zu haben. Damals starben 191 Menschen, 1800 andere wurden zum Teil schwerstverletzt. Das Gericht erteilt 7 Freisprüche. In den anderen Fällen ergehen zum Teil bizarre Urteile. Der Marokkaner Otman El Gnaoui erhält 42924 Jahre Haft, sein Landsmann Jamal Zougam 42922 und der Spanier Suarez Trashorras 34715 Jahre.

Hilflose Urteile einer Justiz, die sühnen will, was nicht zu sühnen ist.

Liebe Gemeinde, wo Recht auf Vergeltung zielt, gerät es angesichts der möglichen Schwere menschlicher Schuld in eine Sackgasse – aus der auch der bei solchen Taten immer wieder zu hörende Ruf nach der Todesstrafe nicht herausführt, sondern nur tiefer hinein, insofern die Institution des Rechtes sich selbst ins Unrecht setzt.

Angesichts dieses Dilemmas, dass wir nicht wirklich sühnen und strafen können, was geschehen ist, mag so manch einer nach einer höheren Gerichtsbarkeit Ausschau halten, nach einer Verantwortung, die nicht von dieser Welt ist, wo sich auch all jene werden verantworten müssen, die sich menschlicher Gerichtsbarkeit entzogen haben, zum Beispiel dadurch, dass sie sich in ihrem Führerbunker selber das Leben nahmen.

Angesichs der Unmöglichkeit irdisch Recht zu sprechen nach Gottes Gericht als Vergeltung rufen…

Wer so nach Gottes Gericht ruft, der hat mit den Worten aus dem Buch des Propheten Micha eine ganze Menge zu lernen:

Erstens nämlich: Gottes Gericht ist zuerst sein Sich-selbst-zur-Disposition-Stellen.

Zweitens: Gottes Güte aber ist immer größer als unsere Anklage.

Drittens: Das lässt uns verstummen und erkennen: Wir stehen mit leeren Händen vor Gott.

Und dürfen – viertens – dennoch leben aus der Güte dessen, der es regnen lässt über Gute und Böse und die Sonne scheinen lässt für Gerechte und Ungerechte.

II.
Ich will es erläutern:

Erstens: Gottes Gericht ist zuerst sein Sich-selbst-zur-Disposition-Stellen.

Da macht das Prophetenwort eine Gerichtsszene auf, die es in sich hat, ruft die Berge und die Grundfesten der Erde, ruft oben und unten, das Höchste und das Tiefste zu Geschworenen an, weil der HERR ins Gericht gehen will mit seinem Volk.

Was dann aber folgt, ist nicht die Anklage des Volkes, sondern Gottes Frage nach seiner eigenen Schuld: „Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Das sage mir!“

Gott ist weder Richter noch Kläger, sondern er nimmt die Rolle des Angeklagten an. Gott sitzt immer schon auf der Anklagebank.

Sichtbar gewiss vor Pontius Pilatus: „Was für eine Klage bringt ihr gegen diese Menschen vor?“ (Joh 18,29) – Öfter aber in den Zimmern der Sterbenden, den Kellern der Gefolterten, oder in den Herzen jener, die angesichts der ewigen Medienpräsenz von Schrecken und Katastrophen noch nicht ganz abgestumpft sind. „Warum, Gott, lässt Du das zu?“

[Mehr noch: In Amerika hat einmal ein Senator Anklage vor einem Gericht erhoben und Gott wegen Terrorismus verklagt – dabei weiß er hin auf den verheerenden Hurrikan „Katrina“, der Oklahoma überflutete.

Hat der Senator dies getan, um die Absurdität der amerikanischen Gerichtsbarkeit zu demonstrieren, in der jeder jeden wegen jedem verklagen kann – selbst den lieben Gott – so hat seine Anklage doch einen tieferen Hintergrund. Den nämlich, dass wir Menschen wahrlich auch Grund zu Klage haben.]

„Ja, Gott, es gibt Erfahrungen des Lebens, die uns von dir entfernen. Ja, Gott, es gibt Leid, das mich an dir verzweifeln lässt. Ja, Gott, Du bleibst mir Erklärungen schuldig: – Warum wird die eine viel zu qualvoll Sterben müssen am Krebs in jungem Alter? – Und der andere liegt alt und lebenssatt darnieder und darf nicht sterben, warum? Warum, Gott, sind es immer dieselben, die auf die Schnauze fallen? Und andere, die sich auf Kosten anderer ein gutes Leben gönnen? Warum… “

Wir könnten lange fortfahren…

Gott sitzt immer schon auf der Anklagebank und wir urteilen täglich, die einen zu Recht und die anderen aus Ignoranz.

Aber, ihr Lieben, und das ist für mich das Überraschende an diesem Text: Gott selbst fordert uns dazu heraus, provoziert uns, all unsere Klage und Anklage an ihn zu richten, stellt sich selbst zur Disposition:

„Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beschwert? Das sage mir!“

Wir haben um Gottes willen das Recht zu klagen und zu schimpfen und anzuklagen und vorläufige Urteile zu fällen.

Aus der Seelsorge weiß ich, wie hilfreich das ist, zu klagen. Es hat etwas Befreiendes.

III.
Es hat etwas Befreiendes. Die unausgesprochene Klage bettet Gott ein in die Erinnerung an sein befreiendes Handeln. Und lässt so das Zweite erkennen, nämlich, dass seine Güte immer schon größer ist als unsere Klage.

Dabei ist es natürlich nicht zufällig, dass Gott in diesem Gerichtsverfahren diese beiden Geschichten erwähnt: Die Herausführung aus Ägypten und die Bileamsgeschichte.

Das war jene Geschichte, in der der Moabiterkönig Balak Bileam gebeten hatte, das Volk Israel zu verfluchen. Die Eselin aber lehrte Bileam eines Besseren.

Ich glaube, dass beide Geschichten unser Gottesbild etwas zurechtrücken. Insofern sie erkennen lassen, dass die Knechtschaft der Zustand ist, aus dem Gott herausführt; der Fluch das permanent Drohende ist, das Gott abwendet.

Gott handelt dem Unheil entgegen. Gott schafft inmitten einer Welt aus Sklaverei einen Raum der Freiheit. Gott setzt inmitten einer Welt aus Fluch seinen Segen. Gottes Macht ist eine Gegenmacht zu allem, was sonst machtvoll eingreift in unser Leben. Immer aber gefährdet, angegangen und umkämpft.

Dass wir in dieser Welt aus Sklaverei, Tod, Fluch und Chaos leben können, dass allein ist schon ein Wunder.

So jedenfalls sieht es die hebräische Bibel von der ersten Seite an – wo Gott inmitten des Tohuwawohu einen kleinen umgrenzten Bereich des Lebens schafft.

Viel Klage rührt her von einem falschen Gottesbild. Und viel verpasstes Staunen daher, dass wir das Wunder des Lebens nicht als solches begreifen. Dass wir eben nicht jeden morgen neu das Geschenk des Lebens dankbar empfangen und jeden Tag aufs Neue begrüßen als Wunder Gottes, jede Begegnung, jede Mahlzeit, jeden Gang und Schritt.
Sie sind ein Wunder!

IV.
Wem dies vor Augen steht, der wird kleinlaut, verstummt – es folgt ja in unserem Text keine Gegenrede mehr – wird kleinlaut, verstummt und erkennt – das ist das Dritte, dass er oder sie mit leeren Händen vor Gott steht.

„Womit soll ich mich dem HERRN nahen…“ Es ist eine archaische Frage, eine Frage, die uns eher nur am Rande berührt. Dort aber um so heftiger.

Ich kenne es von Sterbenden, von Menschen am Rande ihres Lebens, dass sie genau von dieser Frage umgetrieben werden: „Womit soll ich mich dem HERRN nahen… Ich steh vor dir mit leeren Händen Herr.“

Immer wieder neu bewegt mich jene Szene aus Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“, in der der Schuster Willem Voigt sich Rechenschaft gibt über sein Leben: Und da stehste vor deinem Herrgott und der fragt dich ins Gesichte: „Wat haste jemacht, mit dein Leben?“ – „Und da muss ick sagen – Fußmatte, muss ich sagen. Die hab ick jeflochten im Jefängnis, und denn sind se alle druff rumjetrampelt, muss ick sagen.“

Was habe ich vorzuweisen, womit soll ich mich Gott nahen?

Wenn es um das Gericht Gottes geht, dann stehe ich immer auch selbst auf dem Spiel – Gottes Gericht ist nicht nur eines für Diktatoren und Terroristen. „Womit soll ich mich dem HERREN nahen…“

Eine Frage, die uns nicht von Gott vorgelegt wird, sondern die wir uns selber stellen. Man nennt es wohl Gewissen.

Eine Frage, die uns auf unser Leben verweist:

V.
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

Jetzt müssen wir zum Schluss noch ein wenig Hebräisch lernen.

„Gottes Wort halten“ hat Luther übersetzt. „Mischpat“ ist das von Gott gesetzte Recht. Und es halten heißt natürlich es auszuüben, zu tun. Nach Gottes Willen zu leben und zu handeln. Es wird konkret in drei Dingen:

Liebe üben“. Häsed meint die Gemeinschaftstreue, die enge Bindung von Mann und Frau oder Vater und Sohn. Das Wort hat dabei den Akzent des Geschenkes an die Gemeinschaft. Also das, was ich über die Verpflichtung hinaustue. Die Kirche lebt davon, dass viele Menschen in ihr Häsed üben, sich zum Wohl der Gemeinschaft engagieren, mehr tun, als ihnen ihre Dienstanweisung abverlangt. Häsed üben heißt nicht zu fragen, „Was kann die Gemeinschaft für mich tun?“, sondern: „Was kann ich für die Gemeinschaft tun.“

Demütig sein vor deinem Gott“. „Demut“ ein schwieriges und viel missbrauchtes Wort. Nach wie vor finde ich die beste Erläuterung die, die Heiner Geißler einmal in einem Interview gegeben hat. „Demut ist die Wahrhaftigkeit gegen sich selbst.“

Die Wahrhaftigkeit gegen sich selbst. Das heißt wachsam sein, einen Blick haben für sich und andere, nicht seinem Schein hinterher leben. An anderer Stelle finde ich die Übersetzung: „Wachsam leben mit deinem Gott“

Gottes Wort halten – Liebe üben – Demütig sein. Die Reihung macht einen Spannungsbogen von Gott über die Gemeinschaft hin zu sich selbst. Wer in diesem Spannungsbogen lebt, lebt bereits in der Nähe Gottes. Denn das letzte Wort der Reihung ist: Dein Gott.

„Wachsam leben mit deinem Gott“ – Die Frage, wie ich mich dem Herrn nahen soll, entscheidet sich an der Frage, wie ich denn mein Leben lebe.

Wer sich an Gottes Recht hält, wer nach den Bedürfnissen der Gemeinschaft blickt und wahrhaftig gegen sich selbst lebt, der lebt schon in der Nähe Gottes.

Dem Ganzen aber ist noch eines Voraus geschickt: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist…“

Mir fällt auf, dass die ganze Auslegungstradition diesen Satz nur ethisch diskutiert: Das Gute wird diskutiert und woher wir unsere Normen empfangen und wie Werte vermittelt werden, für die es sich zu leben lohnt.

Nirgendwo fand ich aber den Gedanken, der mir beim Lesen des hebräischen Textes am nächsten lag.

„Mensch“ nämlich heißt hebräisch „Adam“. Da haben wir natürlich gleich die Schöpfungsgeschichte im Ohr. Und wo taucht das Wort „gut“ in der hebräischen Bibel zum ersten Mal auf? Ebenfalls in der Schöpfungsgeschichte. Denn Gott sah an, alles was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.


In der Schöpfung haben wir bereits gehört, was gut ist. Das Gute ist uns vorgegeben und die Basis unseres Lebens. Gottes Güte geht unserem Tun und Lassen, unserem Vermögen und Versagen, unserem Vollbringen und Beginnen voraus. Um Gottes willen ist es gut, Mensch, noch ehe du zu atmen begonnen hast. Alles andere ist Demut, Liebe und Dankbarkeit.

Sonntag, 11. September 2016

Wider den Geist der Verzagtheit

Die Predigt zum Nachhören
2. Timotheus 1,6-10

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Donnerstag, 5. Mai 2016

Die Predigt zum Nachhören - Himmerlfahrt 2016

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Was seht ihr zum Himmel...

Predigt an Himmelfahrt 2016 zu Apostelgeschichte 1, 4-12

Lukas, der Evangelist, liebe Gemeinde, war ein grandioser Maler,
ein Maler mit Worten.

Wir verdanken ihm eine Fülle der Bilder unseres Glaubens, Bilder, die sich tief eingeprägt haben in den christlichen Kulturen, Ikonen des Evangeliums:

Das Kind im Stall, die Hirten auf dem Feld, die Engel in der Nacht…, der Zöllner Zachäus auf dem Baum, die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus und …die Himmelfahrt – vieltausendfach nachgemalt zum Beispiel auf den Altären der Renaissance… der Auferstandene in weiß, die Nägelmale an Händen und Füßen, wird emporgehoben auf einer Wolke, darunter staunend und gen Himmel schauend das Publikum, die Jünger, sehnsuchtsvoll, erschrocken, irritiert…

In Klammern eine kleine kulturgeschichtliche Anmerkung: Das Motiv war damals gerade deshalb so beliebt, weil man im Theater der Zeit neue technische Entwicklungen bestaunen konnte: mit Hilfe von Aufzugstechnik war es möglich, Schauspieler empor zu ziehen und in den Himmel entschweben zu lassen.

Klammer zu und Blick… wohin?
In die Bibel, damit wir nicht einfach Publikum bleiben, das sich im Blick nach oben verliert…
Schauen wir, wie Lukas mit Worten malt.

Ich lese Apostelgeschichte 1,4-12:

Und als Jesus mit ihnen zusammen war, befahl er ihnen, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern zu warten auf die Verheißung des Vaters, die ihr, so sprach er, von mir gehört habt;
denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden nicht lange nach diesen Tagen.
Die nun zusammengekommen waren, fragten ihn und sprachen: Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?
Er sprach aber zu ihnen: Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat;
aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.
Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.
Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern.
Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.
Da kehrten sie nach Jerusalem zurück von dem Berg, der heißt Ölberg und liegt nahe bei Jerusalem, einen Sabbatweg entfernt.

Gott des Himmels und der Erden, lenke unseren Blick. Hilf beim Reden und beim Hören und in beidem: Hilf beim Predigen. Amen.

Liebe Gemeinde, das Bild, das Lukas zeichnet, prägt die Ikonografie, prägt die Bildwelt der Himmelfahrt: Zusehends aufgehoben in den Himmel.

Und weg isser, der Herr Jesus, vor den Augen der Jünger, die den Hans Guck-in-die-Luft-machen.... Dass das nicht gut ist, lehrte uns Ältere in Kindertagen der unsägliche Struwwelpeter…
„Wenn der Hans zur Schule ging,
Stets sein Blick am Himmel hing.
Nach den Dächern, Wolken, Schwalben
Schaut er aufwärts allenthalben:
Vor die eignen Füße dicht,
Ja, da sah der Bursche nicht,
Also daß ein jeder ruft:
"Seht den Hans Guck-in-die-Luft !"
Und wie der so in die Luft guckt, der Hans-Guck-in-die-Luft in Hoffmanns Struwwelpeter, da marschiert er schnurstracks

„an des Ufers Rand
Mit der Mappe in der Hand.
Nach dem blauen Himmel hoch
Sah er, wo die Schwalbe flog,
Also daß er kerzengrad
Immer mehr zum Flusse trat.“


„Noch ein Schritt und plumps! Der Hanns
Stürzt hinab kopfüber ganz!“
Der Arme hat übrigens ein berühmtes Vorbild.

Vom Philosophen Thales erzählt uns Platon, dass er einmal, als er die Sterne und den Himmel beobachtete und also nur nach oben blickte, in einen Brunnen fiel.

Eine witzige und hübsch thrakische Magd, die das beobachtete, hatte nichts Besseres zu tun, als den Philosophen zu verspotten: er wolle da mit aller Leidenschaft die Dinge am Himmel zu wissen bekommen, während ihm doch schon das, was ihm vor der Nase und den Füßen liege, verborgen bleibe. (Platon, Theaitetos, 174a-b)

Schicksal der Philosophen, sagt Platon, passe doch derselbe Spott auf alle diejenigen, die sich mit der Philosophie einlassen. Und fährt mit der Kritik wie folgt fort: „Denn in der Tat, ein solcher weiß nicht von seinem Nächsten und Nachbarn“, und zwar nicht nur in dem, was er tut, sondern sogar darin, ob er überhaupt ein Mensch ist oder irgendein anderes Lebewesen.

Da hilft auch wenig, wenn man sich ein philosophisches Hintertürchen offen hält und behauptet, dafür wüssten die Philosophen eben mehr über die wahren Werte und das Wesen des Menschen…
Nein, die Kritik bleibt: Himmelfahrtsnasen haben keinen Riecher für die Menschen neben sich. Wer die Augen nur in den Himmel gucken lässt, der sieht nicht links und nicht rechts. Da verfehlt man das Leben, wenn man so in den Himmel starrt. Und da macht es keinen Unterschied, ob man ein Philosoph ist oder Theologe, Christ oder Muslim oder Jude… Wer nur in den Himmel starrt, übersieht den Menschen und die Welt, in der er lebt.

II.
Darum, liebe Gemeinde, weißt uns die Himmelfahrtsgeschichte an, den Blick zu senken: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da uns seht zum Himmel?“ – Das könnte glatt von einer thrakischen Magd gesagt sein.

Wer so glaubt, dass er nur in den Himmel guckt, wer alles von oben erwartet und die Hände in den Schoß legt, der muss ganz schön aufpassen, dass er nicht reinfällt, über andere stolpert, menschenverachtend wird, weil er alle Sinne und alles Denken und Tun nur auf den Himmel gerichtet hat.

Wer stets nach oben schaut, dem droht die Genickstarre, die die Bibel gerne auch als Halsstarrigkeit benennt.

Ja, liebe Gemeinde, es sind die unseligen Himmelfahrtskommandos dieser Welt, die nicht rechts und nicht links, nicht nach dem Menschen und nicht nach der Erde blicken.

Sie passen nicht zu dem Glauben, von dem Lukas erzählt. Denn dort fährt Jesus gen Himmel auf, damit wir uns der Erde zuwenden. Nicht ohne seine Kraft, nicht ohne seinen Geist…

Es ist ja nicht so, dass Jesus sich absetzt und wir hier im Jammertal zurückbleiben. Da könnte man ja den Kopf nur hängen lassen. Aber wer den Kopf hängen lässt, dessen Blick reicht ja auch nur wieder bis zu den Fußspitzen.

Nein, er lässt uns nicht hängen, sondern richtet uns auf mit seinem Geist, mit seiner Kraft, mit Hoffnung und Mut. „Christ fuhr gen Himmel, was sandt er uns hernieder“ fragt das alte Himmelfahrtslied, dass wir gleich im Anschluss an die Predigt singen. Und gibt die Antwort aus der Verheißung, die Jesus seinen Jüngern gibt: „Den Tröster, den Heiligen Geist…“ - ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen

III.
Also, liebe Gemeinde: Kopf hoch! Weder bis zum Himmel, noch bloß auf den Boden schauen, sondern links und rechts und hinter mich und vor mich und sehen…

Und was sehen wir da?

Eine unerlöste, heillose Welt…nicht das Reich Gottes. Das hatten sie ja gehofft, die Jünger. Aber er kommt erst wieder am Ende der Zeit.

Eine unerlöste, heillose Welt – in dieser aber ein Zeichen der neuen Zeit. „Ihr werdet meine Zeugen sein…“

Mit der Himmelfahrt beginnt die Zeit der Gemeinde. Jesus ist weg. Wir haben ihn nicht mehr leiblich unter uns – aber er sendet uns seinen Geist. Und mit ihm wird Gemeinde.

Er lässt uns nicht allein zurück, er verweist uns an die Menschen links und rechts, vor und hinter uns.

Also, liebe Leute, seid kein Hanns-Guck-in die Luft Philosoph, der nur noch in den Himmel blickt und keine Ahnung mehr hat von den irdischen Dingen, von den Menschen, mit denen er lebt und der Erde, auf der er steht.

Seid aber auch keine Erdlochgucker, die sich vor lauter Frustration über Gottes Abwesenheit und den Zustand der Welt am liebsten in ein Erdloch verkriechen wollen, sondern seid solche, die umsichtig sind…

Schönes Wort: umsichtig. Menschen, die um sich herum sehen und suchen, wahrnehmen, wie es um die Menschen und die Welt steht, Menschen, die die Liebe Gottes annehmen und weitergeben.

Dann könnte es sein, dass es auch auf Erden ein wenig himmlisch wird.
Amen.

Sonntag, 6. März 2016