Sonntag, 6. März 2016

Gott des Trostes - Die Predigt zum Nachhören

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Gott des Trostes



Predigt zu 2. Korinther 1,3-7 am Sonntag Lätare

„Wenn das Leben grad zu allem schweigt
dir noch eine Antwort schuldig bleibt
dir nichts andres zuzurufen scheint als Nein
Es geht vorbei“
Der Popsänger Andreas Bourani ist zurzeit mit seinem melancholischen Lied „Hey“ zu hören auf allen Kanälen:
„Wenn der Sinn von allem sich nicht zeigt
sich tarnt bis zur Unkenntlichkeit
wenn etwas hilft mit Sicherheit, dann Zeit
Es geht vorbei, es geht vorbei“
Die Allgegenwart des Songs spiegelt unsere Kultur des Funktionieren-Müssens. Du kannst Dich ja nicht hängen lassen. Und was daherkommt wie ein Akt der Barmherzigkeit – hey, sei nicht so hart zu dir selbst - ist im Grund doch nichts anderes als ein erneuter Appell ans Weitergehen:
„Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
es ist ok wenn du fällst
auch wenn alles zerbricht
geht es weiter für dich
Hey, sei nicht so hart zu dir selbst
auch wenn dich gar nichts mehr hält
du brauchst nur weiter zu geh'n
komm nicht auf Scherben zum steh'n“

Aber wenn die Kraft dazu nicht reicht? Wenn die Scherben spitz und verletzend, mich hindern, einfach weiterzugehen?

Wenn selbst sie nicht mehr hilft, die Zeit… nicht mehr hilft, Wunden zu heilen?

Was tröstet?

Ich ringe drum, nicht nur, weil es ein Teil meines Berufes ist, zu trösten. Ich ringe drum, weil ich darum weiß, wie trostlos Leben sein kann. Und – ja, auch das – weil ich eine Ahnung habe, wie trostlos unsere Welt ist.

Was tröstet jenseits der seichten Lieder und dort, wo die Zeit still zu stehen scheint, eben nichts vergeht. Mitten im Leiden, im Wüten der Welt, was tröstet?


II.
Liebe Gemeinde, der Apostel Paulus – vielleicht auch so ein Melancholiker – ringt um Trost. Diffamiert von Gegnern, fallen gelassen von Anhängern, bedrängt von der Obrigkeit…

Immerhin erste zarte Zeichen der Annäherung sind aus Korinth zu hören. Dorthin schreibt er vom Trost.

Ich lese uns 2. Korinther 1,3-7

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott.

Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.

III.
Liebe Gemeinde, ich weiß nicht, wie es ihnen ergangen ist, beim Hören des Textes: Verstanden hatte ich erstmal nicht viel, nur dies: Trost. Darum geht es.

Trost, dieses alte schöne deutsche Wort. Heute weitgehend negativ konnotiert als Trostpreis oder Trostpflaster. Als etwas, was keiner haben will.

Und dabei doch ein Wort, das von Halt und Kraft und innerer Festigkeit spricht. Es hat die gleiche Wurzel wie Vertrauen. Wenn es um Trost geht, dann geht es darum, dass ein Mensch das Vertrauen ins Leben wieder erlangt, wieder Boden unter den Füßen gewinnt, nicht zwingend zum Weitergehen, Aufrecht Stehen würde mir schon reichen – und sei es auf den Scherben des Lebens.

Das griechische Wort aus dem Urtext legt eine Fährte in die Richtung, aus der der Trost kommt. Es spricht vom Hinzu-Rufen. Ich kann mich schwerlich selber trösten. Ich brauche dazu die Hilfe und Unterstützung anderer.

Und was soll’n die tun, wie können die helfen?

IV.
In der antiken Umwelt des Paulus hat es einen ganzen Katalog an Trost-Strategien gegeben, die bis heute immer wieder angewendet werden, mal mehr, mal weniger hilfreich.

Etwa die Erinnerung an das erlebte Glück. Erinnerung sei das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, lese ich dann über den Todesanzeigen. „Denke an das, was du mit dem Menschen, den du verloren hast, alles erlebt hast. Diese gelebte Zeit, die nimmt dir keiner mehr ab!“

Neben der Erinnerung an das vergangene Glück kennt die antike Trostliteratur auch den Hinweis auf das Gute, das bleibt. Es ist ja nie alles vorbei. Es ist ja noch was da. „Deine Frau ist tot, aber du hast ja noch die Kinder… Deine Tochter ist tot, aber sieh doch auf den Sohn, der bleibt. Du hast den Job verloren, aber du hast ja noch die Familie… Das Glas ist nicht halbleer sondern halbvoll. Denk positiv!“

Ich weiß nicht, wie weit dieser Trost zu tragen vermag. Ihn Ver-Tröstung zu nennen, liegt mir nahe.

Ich weiß auch nicht, ob es hilft, wie eine andere Strategie empfiehlt, das Leid einzusortieren in die Allgemeinheit: „Wir müssen alle sterben!“ Ja, aber warum soll ich nicht trotzdem am Tod eines geliebten Menschen leiden und verzweifeln? Was hilft es mir, zu wissen, dass es immer Menschen gibt, die es noch schlimmer trifft als mich? Ist nicht jedes Leid unvergleichbar? Und dennoch hören wir es oft und mag sich der ein oder die andere damit über Wasser halten. „Gewiss, es hätte noch viel Schlimmer kommen können!“ Aber tröstet es wirklich?

Vielleicht gab es darum auch die Empfehlung, das erlittene Leid einzuordnen in die Unendlichkeit des Alls. „Ist da Dein Leid nicht unendlich klein? Oder nur der Hauch einer Zeit im Raum der Ewigkeit… es geht vorbei…!“ Bourani steht in dieser Tradition.

In diese breite Tradition des Trostes und des Tröstens, liebe Gemeinde, eine Tradition, die uns bis heute begleitet und ihre Dienste tut, in diese Tradition bringt Paulus etwas grundsätzlich Neues und Andres.

V.
Er empfängt seinen Trost aus anderer Hand: Spricht mit den Schriften des jüdischen Glaubens von dem Gott des Trostes.

Wie reich ist das Alte Testament darin, uns diesen Gott des Trostes vor Augen zu malen, ihn, der uns tröstet, wie einen seine Mutter tröstet (Jes 66,13), den guten Hirten, dessen Stecken und Stab uns trösten (Ps 23,4) und der in die Welt ruft: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ (Jes 40,1)

Der reichen Trostwelt des Alten Testamentes nun fügt Paulus einen neuen Gedanken hinzu: Den des leidenden Gottes.

Sein Trost wächst daraus, dass in Christus Gott selbst gelitten hat. Die Leiden Christi kommen über uns. Wir teilen sein Leid wie er unser Leid geteilt hat.

Es gibt kein Leiden in dem Gott nicht selbst mitleidet. Gott als Mit-leidender. Nicht als einer, der wie wir bei der Tagesschau auf dem Sofa sitzt und Mitleid empfindet, sondern einer, der selber im Leiden mitleidet.

Dem Apostel hilft das, im Leiden stehen zu können. Nicht zu fliehen. Nicht krampfhaft weitergehen zu müssen. Sondern auszuhalten und ertragen zu können.

Denn er weiß Gott an seiner Seite.

Mit ihm an der Seite, kann er gar auf Scherben stehen und hoffen.

Hoffen!

Denn Christi Leiden ist nicht ohne seine Verherrlichung zu bekennen, sein Kreuz nicht ohne die Auferstehung.

Wo Menschen mit Gott sterben, da werden sie auch mit ihm auferstehen. Das ist der Glaube des Apostels, sein Trost im Leben und im Sterben.

Wir haben Anteil am Leiden Christi und an seiner Auferstehung. Wir sind mit ihm gestorben in der Taufe, aber werden auch mit leben in Ewigkeit.

Wir, nicht ich allein. Denn in der Gemeinschaft der Christinnen und Christen leiden alle mit, wenn einer leidet und freuen sich alle, wenn einer sich freut: „Haben wir Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost…“ Denn: „Wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.“

Eine Trostgemeinschaft im Glauben. Trost empfangen und weitergeben…Gemeinschaft haben untereinander und mit Christus, dem Gekreuzigten und Auferstanden.


VI.
Tröstet das? Gibt uns das den Boden unter den Füßen, Halt und Kraft zum Leben.

Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich habe dafür nicht genug gelitten.

Aber erzählen kann ich von Menschen, die uns im Leiden voraus gingen, und sich auf dem Leidensbett innerlich aufrecht hielten am Kreuz an der Wand. Erzählen davon, dass an den gottlosesten Orten Menschen sich wiederfinden konnten im Ruf des Gekreuzigten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Gerade in der Paradoxie, dass Gott die Gottlosigkeit teilt, ist er uns nahe. In allem Leide… nicht danach, wenn die Zeit die Wunden geheilt hat. Nicht erst, wenn ich wieder laufen kann. Sondern im Fallen, im Liegen im Dreck des Lebens, im Stehn auf den Scherben … Trost.

Mit ihm an der Seite… Vertrauen.

Leben…

Sei uns nahe, Gott.

Amen.



Freitag, 25. Dezember 2015

Inkulturation des Evangeliums

Ansprache zu Lukas 2
An Heilig Abend 2015


Weihnachten weltweit: Rund um den Globus wird sie erzählt, inszeniert, gefeiert, diese eine Geschichte von dem Gott, der Mensch wird.

Erzählt in unterschiedlichen Sprachen,
inszeniert in vielfacher Gestalt,
gefeiert auf unzählige Weisen.

Vor ein paar Wochen zur Freude der Hochkulturellen hier gesungen als Weihnachtsoratorium Johann Sebastian Bachs mit Pauken und Trompeten und heute erzählt als Youtube-Video der Jugendkultur. Die eine Geschichte.

Die eine Geschichte, die es ja so gar nicht gibt.

Schon die Evangelisten erzählen sie vielstimmig. Markus kennt sie gar nicht. Johannes packt sie in Philosophie: Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott…
Matthäus erzählt sie ohne Krippe und Herberge als Fluchtgeschichte. Nur Lukas liefert die Bilder von Hirten und Engeln, weiß aber nichts von den drei Weisen aus dem Morgenland.

Wir selber haben uns längst aus ihren unterschiedlichen Erzählungen die unsere zusammengestellt.

Die Weihnachtsgeschichte, liebe Gemeinde, gibt es nur in der Vielzahl der Geschichten, die die Menschen erzählt haben, gefeiert, inszeniert.

II.
Und diese Geschichten, die wir daraus machen, sind geprägt von der Kultur, in der wir leben, von der Zeit und der Geschichte, die wir erleben.

Die Theologie spricht von der „Inkulturation des Evangeliums“, also dass das Evangelium, die gute Nachricht von der Liebe Gottes, Form und Gestalt annimmt der Kultur, in der es erzählt wird. Das Evangelium kriecht sozusagen in die Kultur hinein, findet seinen Platz im Petersdom in Rom ebenso wie in der Wellblechhütte der Favelas Südamerikas, wird anders erzählt in der Untergrundgemeinde in Teheran als in einer deutsch-protestantischen Volkskirche, spricht eine andere Sprache im zerbombten Aleppo als hier in der frisch-renovierten Johanneskirche.

Das Evangelium kriecht hinein in die Kultur und Lebensumstände der Menschen, um Glauben zu wecken, Hoffnung zu wagen, Liebe zu üben. Eine andere Sprache spricht es nicht als die der Menschen, die es hören sollen und denen die Zusage der Liebe Gottes gilt.

Schon Paulus hatte das erkannt, wenn er sagte: Ich bin den Juden wie ein Jude geworden und den Griechen wie ein Grieche. Ich bin allen alles geworden, nur um einige zu gewinnen. (1. Kor 9)

Inkulturation des Evangeliums.

Die gute Nachricht in tausenderlei Form und Gestalt, geprägt von der Kultur in der wir leben, erzählen, feiern…

III.
Darf das denn sein? Geht da nicht was verloren? Muss ich nicht, nein mehr noch, muss nicht die Kirche Hüterin sein der einmal erzählten Erzählung und der einmal gefundenen Form?

Liebe Gemeinde, es entspräche nicht dem, was da erzählt wird, wenn wir so denken, tun und handeln würden, und wäre auch nicht angemessen für den Gott, von dem wir reden.

Was wird erzählt? Und: Von welchem Gott reden wir?

Erzählt wird, dass Gott sich selbst aufgab und Mensch wurde. Mensch in einer ganz konkreten Geschichte – wie es ja gerade der Evangelist Lukas zu erzählen versucht: Zur Zeit des Kaisers Augustus, als Cyrenius Landpfleger in Syrien war… An einem ganz bestimmten geschichtlichen Ort: Bethlehem, ein Provinznest der Weltgeschichte bis dahin…

Gott geht ein in Zeit und Geschichte und Kultur der Menschen.

Von Gott her, liebe Gemeinde, ist Glaube immer zeit- und immer ortsgebunden.

Muss immer neu erzählt und inszeniert werden in der Kultur, in der wir leben, die uns prägt.

Warum ist mir diese Inkulturation des Evangeliums heute und in diesem Gottesdienst so wichtig?

Weil die Welt sich verändert hat. In dieser veränderten Welt ist es mehr denn je nötig, dass wir ein positives Verhältnis finden zur Vielfalt der Kulturen.

Nicht nur – aber es sei in diesem Gottesdienst einmal erwähnt – nicht nur der unterschiedlichen Kulturen zwischen Jung und Alt:

Da will ich euch aus der jungen Generation nur Mut machen, auch in den Fragen von Religion und Glaube eure eigene Kultur zu gestalten.

Ihr müsst Eure Wege finden, zu fragen, zu glauben, zu feiern… Und wenn es nicht unsere sind, dann, liebe Erwachsene, dann lasst uns nicht glauben, die Welt ginge unter, wenn sie sich nicht weiter so dreht, wie wir es gerne hätten… In Klammern sei gesagt: Vielleicht ist ja auch nur noch zu retten, wenn es nicht so weiter geht, wie wir das wollen… Klammer zu.

Nein, wenn Kirche Zukunft haben soll, dann nur mit den Menschen, denen die Zukunft gehört.

Mehr noch aber als die Unterschiede zwischen Jugendkultur und Erwachsenenkultur bewegen mich in diesen Tagen die unterschiedlichen Kulturen im Blick auf Heimat und Fremde.

Bis vor kurzem noch hieß Weihnachten weltweit für uns noch: Wir betrachten das Weihnachtsfest fremder Völker und Kulturen vom europäischen Standpunkt aus etwa so wie die Kinder die Affen hinter der Glasscheibe im Zoo. Fern und distanziert.

Aber so ist die Welt nicht mehr. Spätestens in diesem Jahr haben wir es zu spüren bekommen. Die Welt kommt zu uns. Kommt mit fremden Kulturen und Lebensgeschichten im Gepäck. Klopft plötzlich an unsere Grenzen, kommt an an unseren Bahnhöfen, steht plötzlich mitten in unserem Land, sitzt mit einem mal in unseren Schulen und geht durch unsere Straßen. Die Welt ist plötzlich hier!

Es gibt Menschen, denen macht das ungeheure Angst. Und wer weiß, wie viele heute hier sitzen, die ihre Angst teilen. Angst vor der Überfremdung. Angst davor, dass wir unsere Kultur verlieren könnten. Angst vor dem Untergang des Abendlandes.

Mit der Weihnachtsgeschichte kann ich Ihnen nur zurufen: „Fürchtet Euch nicht! Denn euch ist heute der Heiland geboren!“

Euch heute!

Die Geschichte von dem Gott, der Mensch wird, der eingeht in konkrete Geschichte und sich feiern lässt in konkreter Gestalt, liebe Gemeinde, diese Geschichte wird auch heute und in Zukunft erzählt werden.

Manchmal weiter so, wie wir sie kennen und von unserem Herkommen her mögen: Das Weihnachtsoratorium Bachs – ich wette - wird nicht totzukriegen sein.

Aber sie wird auch neue Form und Gestalt gewinnen, sich verändern im Gespräch und im Zusammenleben mit den Menschen, die hierhin kommen, die ihre Geschichten, ihre Kultur mitbringen. In der Begegnung mit ihnen werden auch wir uns verändern. In der Begegnung, vielleicht auch in der manchmal notwendigen Konfrontation, werden sich Kulturen verändern.

Aber für uns Christenmenschen ist das kein Grund, Furcht und Sorge zu haben. Denn weil Gott ein Gott ist, der mitgeht und seine gute Nachricht eine, die dem hier und heute immer wieder neu gilt, wird das Evangelium auch Einzug halten in die Kultur, die wir jetzt noch gar nicht kennen, die Kultur, die erst noch werden wird.

Aber noch einmal: Das Evangelium ist nichts Statisches, das es zu verteidigen gilt, sondern ein Ereignis, das hier und dort geschieht, dann und wann. Weil Gott kein zeitloses ewiges und unveränderliches Sein ist, sondern einer, der mitgeht durch Zeit und Raum, der Mensch wird, uns Menschen zu Gute, darum braucht kein Christenmensch Angst zu haben vor dem, was kommt.

Fürchtet Euch nicht! Nicht vor dem Fremden, nicht vor der Veränderung, nicht vor der Vielfalt, nicht vor dem Widerspruch, fürchtet euch nicht!



Dienstag, 1. Dezember 2015

Wir schulden der Welt keine Dome

Predigt zu Römer 13,8-12
bei der Wiedereröffnung der Johanneskirche

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Montag, 28. September 2015

Be-fremd-liche Begegnung

Predigt zu Matthäus 15,21 bis 28 in der Lukaskirche in Spich

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                     Gott
                     im Niemandsland,
                     an den Zäunen…
                     wir lassen sie stehen.
                   
                     Dabei wollen sie doch nur die Brosamen,
                     die vom Tisch der Reichen fallen.
                   
                     Unser Schweigen hört nicht ihren Glauben.
                      Du aber schweigst.
                     Und hörst
                     die Klage im Niemandsland.
                   
                     Höre auch das Schweigen
                     deiner Kinder
                     diesseits der Grenze
                     und erbarme dich über sie,
                     auf dass sie sich erbarmen,
                     über die jenseits des Zauns.
                      Kyrie eleison

Sonntag, 8. März 2015

Bekenntnisse eines Melancholikers - Die Predigt zum Nachhören

Predigt zu Jeremia 20,7-13 im Dietrich Bonhoeffer Haus Troisdorf

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Bekenntnisse eines Melancholikers

Predigt zu Jeremia 20,7-13

Ach Gott,
rühre meine Lippen an,
dass ich mit den Müden zu reden weiß.
Hilf beim Reden und beim Hören und in beidem: Hilf beim Predigen. Amen.

„Ich tue euch kund, dass ich keinen Groschen habe und sozusagen barfuß und nackt bin und den Rest meines Entgeltes nicht bekommen kann, ehe ich das Werk nicht vollendet habe, und ich erdulde die größten Kümmernisse und Mühsale…“ schrieb Michelangelo Buonarotti im September 1512 an seinen Bruder nach Florenz. Er, der Bildhauer und Maler, lag zu dieser Zeit in den letzten Zügen eines seiner Meisterwerke: Der Decke der Sixtinischen Kapelle in Rom. Im Auftrag des Papstes, Julius II, sollte er etwas schaffen, was diesen Papst auf ewig im Gedächtnis der Christenheit halten sollte. An dem Auftrag aber, etwas Großes zu schaffen, kann man zerbrechen, demütig werden, betrübt und melancholisch: „Ich habe mehr Mühe zu tragen, als je ein Mensch getragen hat. Auch fühle ich mich unwohl. Trotzdem will ich geduldig ausharren, um zum ersehnten Ende zu gelangen.“

So malt er denn wie besessen die Szenen der Schöpfung von der Erschaffung der Welt bis zu Noah und der Sintflut und umrahmt diese mit großen sitzenden Figuren: den Propheten. Der letzte dieser Propheten im Bildprogramm der Kapelle, vom eintretenden Betrachter aus gesehen hinten rechts über dem Altar, trägt seine eigenen Gesichtszüge. Alt geworden, mit grauem Haar. In sich gesunken. Den Blick nach unten geneigt. Die Hand schlaff im Schoß. So malte man „Melancholiker“, Schwermütige, schwarzgallige Menschen. „Die Melancholie“, sollte später Siegmund Freud formulieren, „die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tiefe schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Erwartung von Strafe steigert.“ (Siegmund Freud, Trauer und Melancholie).

Doch mit wem identifizierte sich der an der Größe seiner Aufgabe zwar nicht gescheiterte – nein, beileibe nicht gescheitert, was für ein  Meisterwerk hat er doch zustande gebracht trotz aller Schwermut – nein, gescheitert ist er nicht an der Aufgabe. Aber müde geworden. Abgekämpft. Erschöpft.

Wer ist der Prophet, in den hinein sich der an seiner Aufgabe erschöpfte Künstler malte.

Zu seinen Füßen der Name: Jeremia.

II.
Jeremia war Prophet im Südreich Palästinas, in Juda öffentlich auftretend wohl zwischen 625 und 585 vor Christus, in politisch heikler Zeit: Während sich im Lande alle sicher fühlen, ahnt er die drohende Katastrophe. Sehen die einen nur, dass sich Kult und Glaube durch die Reformen des Königs Joschija mit der Zentralisation in Jerusalem festigen, spricht er aus, das kein Kult das Heil der Welt behaupten kann. Freut sich das politische Establishment am Untergang Assyriens, so sieht der Prophet die drohende Gefahr durch den Machtzuwachs Babylons. Und warnt und droht, wie Gott es ihm aufgetragen hat. Doch wer will das hören in der schicken Welt der Hauptstadt. Selbst seine politischen Perfomances wie etwa das Zertrümmern eines tönernen Kruges als Symbol für die drohende Zerschlagung des Reiches verhallen wirkungslos.

Den Mächtigen wird er lästig. Paschur, einer der Priester, vielleicht so etwas wie ein Anführer der Religionspolizei, schließlich tut, was die Mächtigen bis heute gerne tun mit den Propheten die den Mund nicht halten, die schreien und rufen und twittern und bloggen: Sie legen ihn in einen Block und schlugen ihn, wie Raif Badawi, der nach Urteil seiner saudischen Richter 10 Jahre Gefängnis und 1000 Stockschläge erhalten soll.

So gedemütigt und am Ende seiner seelischen Kräfte, legt der Prophet Jeremia ein berührendes Bekenntnis ab:

„HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.
Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.
Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.
Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«
Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden.
Und nun, HERR Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen.
Singet dem HERRN, rühmet den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!“

III.
Michelangelo… Jeremia… Und du?

Nein, liebe Gemeinde, ich will jetzt niemanden nötigen, sich in den einen oder den anderen einzufinden. Will nicht behaupten, dass ich auch nur annähernd etwas vergleichbar Großes aufgetragen bekommen hätte wie sie und wage zu vermuten, du auch nicht. Aber Melancholie… die wächst aus dem Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Verheißung und Realität, zwischen Gottes Rede und dem Tun der Menschen…

Wenn du Sie nicht kennst, die Melancholie, die einen überkommen kann, wenn man die Bilder dieser Welt hält neben die Verheißungen jener Welt Gottes, in der Friede sein soll und die Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet und ein jeder unter seinem Feigenbaum und seinem Weinstock sitzen soll, wenn Du es nicht kennst, das Leiden an den unerfüllten Verheißungen und der Ferne Gottes in der Welt, dann will ich es Dir auch nicht einreden. Nur bitten will ich Dich, zu prüfen, ob Du nicht wie jene damals die Augen verschließt vor dem, was ist.

Den andern aber, jenen, die daran leiden, dass diese Welt so anders ist, als Gott sie uns verheißen hat, mit jenen will ich gerne lernen, dennoch nicht müde und nicht matt zu werden.

Wie gelingt dem Jeremia das?

IV.
Das erste: Ich erlebe Jeremia in diesem Bekenntnis als einen, der sehr achtsam mit sich umgeht und sehr genau dem nachspürt, was in ihm vorgeht. In diesen 7 Versen lese ich 20 mal „Ich“ Der Prophet, der sonst immer nur von Gott und der Welt spricht, redet von sich. Er spürt dem nach, was er empfindet, was er fühlt, was der Auftrag, dem er folgt, mit ihm macht.

Ich weiß ja nicht, wie es ihnen in ihrem Alltag ergeht. Aber das scheint mir doch die Regel zu sein, dass viele von uns im Funktionieren gefangen sind und im Tun und Machen gar nicht mehr im Kontakt mit sich selbst.

Manchmal helfen uns nur noch Katastrophen, um zu entdecken, dass ich ja auch noch da bin. Manchmal auch das Glück.

Seit Freitag ist die Welt entsetzt über einen Künstler, dem erst auf der Bühne einfällt, dass das, worum er sich gemüht hat, nicht das ist, was er wirklich will. Und Andreas Kümmert zieht zurück.

Reichlich spät. Gewiss. Aber immerhin: „Ich bin nicht wirklich in der Verfassung…“

Achtsam mit sich selbst sein. Was macht das mit mir? Die Nachfolge, das Christsein zum Beispiel.

V.
Ein Zweites fällt mir auf und scheint mir wichtig zu sein. Jeremia hält in seinem Bekenntnis Zwiesprache mit Gott und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Er reibt Gott in die Ohren, was ihm, Jeremia, an ihm, Gott, nicht passt. Er spart nicht mit Vorwürfen: Du hast mich überredet. Besser wäre zu übersetzen: Du hast mich „betört“.
Du hast mich unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen in deine Nachfolge gerufen.

Das ist heftig. Heftig zumal in unseren von allzu viel Rede über den lieben Gott abgestumpften Ohren. Das ist heftig und doch zugleich in jener Situation, in der mir der garstige Graben zwischen unserer Wirklichkeit und Gottes Verheißungen bewusst wird, der einzig angemessene Ausdruck. „Gott, ich fühle mich…“ verzeiht den Ausdruck, aber so würden wir es vielleicht in unserer Zeit sagen: „Gott, ich fühle mich verarscht…“

Du hast mich losgeschickt, Deine Zukunft anzusagen, und sie bleibt aus. „Des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden“- die anderen können nur noch drüber lachen.

Das Klagen wieder lernen, das wäre eine spirituelle Übung, die mich selbst in den tiefsten Abgründen immer noch in Verbindung hält, mit dem Gott, an dem ich verzweifle. Der letzte Strohhalm meines Glaubens ist die Klage.

VI.
Für Jeremia ist es so, dass die Klage ihn wieder in Kontakt bringt mit dem, was er glaubt und hofft. Und er entdeckt, dass er davon ja gar nicht schweigen kann: „Es ist in mir wie ein brennendes Feuer.“ Es ist in mir drin und es muss raus.

Jesus wird später sagen: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über…“

Wir können es ja nicht lassen. Wir müssen davon reden. Weil es in uns ist.

So wie Michelangelo gar nicht anders konnte, als sein Werk zu vollenden. Was uns ergriffen hat, das will Gestalt gewinnen in Wort und Tat.

Wie so manch einer in seiner Melancholie die Erfahrung macht, dass sich aus dem Kokon seiner Kraftlosigkeit ein neuer Aufbruch windet und sich das, was ein Scheitern zu sein scheint, am Ende als ein neuer Anfang entpuppt.

Wer einmal mit dem Glauben in Berührung ist, wird davon ein Lied singen können, Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein. Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben, lauter Freude sein. Duld ich schon hier Spott und Hohn, dennoch bleibst du auch im Leide, Jesu, meine Freude.

VII.
Und dazu ruft er dann auf, der Prophet, am Ende seiner Rede: „Singet dem HERRN, rühmt den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet.“

Am Ende also ist er wieder da bei Gott, von dem er nicht lassen kann. Gibt sich – und übrigens ganz wichtig: Alle seine Feinde – in Gottes Hand. Macht sich damit frei von aller Aggression und aller Wut… indem er auch seine Verfolger in Gottes Verantwortung übergibt. Es ist nicht an uns, zu rächen, zu strafen, zu kämpfen und zu verfolgen.

Und indem Jeremia das tut, sich und seine Verfolger ganz Gott auszuliefern, wird er frei zum Neuanfang. Frei, zu singen und zu loben, zu reden und zu tun, zu drohen und zu verheißen,… Kommt so heraus aus der Melancholie ins Freie mit neuer Kraft und neuem Mut zu tun, was er nicht lassen kann.

Und dann geschieht eben doch noch, was er geahnt. 585 fällt Jerusalem. Die mächtig gewordenen Babylonier deportieren die Elite. Jeremias Spur verliert sich im Laufe der Geschichte.
Sein Wort aber klingt zu uns in diese Zeit. Auf dass wir

nicht müde werden,
sondern dem Wunder
wie einem Vogel
leise
die Hand hinhalten.